Haarig gutes Gewissen

Allgemein, Analytik, Hick-up

Früher galt ein wie ein Bär behaarter Mann noch was. Heute sind die Bären selten und bald jeder dritte Mann kahl geworden. Nicht nur auf dem Kopf, um den Schwund zu kaschieren und die schöne Schädelform ins beste Licht zu bringen. Auch der übrigen Haut wird jeder Auswuchs entrissen. Die Prozedur soll ganz schön weh tun, trösten sich die verunsicherten Haarigen. Nun weiss jeder seit der Geschichte mit Arsen und Napoleon auf Sankt Helena, dass Haare ab und zu verraten, was man wann gegessen hat, willentlich oder nicht. Immer genauer kann man das. Im Spitzensport soll daher die Ganzkörperglatze nicht nur der besseren Windschlüpfrigkeit wegen beliebt geworden sein. Nun will man an Haaren gar ablesen können, wohin jemand gereist ist. Die Londoner Rebecca Santamaría-Fernández und Mitarbeitende haben in winzigen Portionen entlang von nur vier Zentimetern Haar das wechselnde Verhältnis zweier Isotope von des Teufels liebstem Element Schwefel gemessen. Diese Mischung falle je nach Aufenthaltsort unterschiedlich aus. Laut Bericht in der «Analytical and Bioanalytical Chemistry» konnte man im ersten Anlauf glatt zwei Daheimgebliebene von einem Vielreisenden unterscheiden. Jetzt soll eine Art Schwefelkarte der Welt erstellt werden. Dann, so die Hoffnung, wird man Verdächtigen manch heimliche Reise nachweisen können. Kahlen wird neuer Verdacht begegnen, unter Bärten und Bären aber wird man reine Gewissen geborgen sehen.

Am 2. Juni 2009 als Hick-up in der Basler Zeitung erschienen

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