Mit rotwangigen Schiffen auf Meeren des Wissens

Allgemein, Hick-up

Ein Reisender bin ich an der Woche Ende gewesen, Basel die Stadt verlassend, die Betürmte, OLYMPUS DIGITAL CAMERAum an die Gestade des Atlantiks zu fliegen, des golden beschienenen. Schwer fiel mir da, für diesen meinen Hick-up die Taten der neues Wissen Schaffenden zu verfolgen, strebsamer Frauen und Männer. Nahm mir ins Gepäck die Geräte zu empfangen die Neuigkeiten, die weltumspannenden. Packte mir ein die Bücher, die dicken, aus des Labyrinths Regalen in des einst von 440px-hans_holbein_d-_j-_046Erasmus des Rotterdamers an warmem Ofen bewohnten Hause. Erstand mir neue im Palast der geflügelten Gefährte in Kloten. Etwa jenes von Lisa Randall, der Kosmologin, das versprach, mir Neues zu künden von dunkler Materie und Dinos und die Zusammenhänge von allem zu zeigen, die göttlichen. Die dunkel Rätsel mir sind und vielen. Hatte mir in den Sack am Rücken gepackt die neusten Nummern der Zeitschriften, der bunten. Von der elektrobeflügelten Botin der Post erst kürzlich gelegt mir vor die Haustür.

Las davon, wie das der Schwere Wellen messende Ligo in der fernen Neuen Welt noch einmal seiner Empfindsamkeit Schärfe gesteigert und dachte an Werner des Ballmers Sohn Stefan aus Magden, der als erster die Signale gesehen und richtig gedeutet ( baz_20160212_BallmerLigo). Erfuhr von den tausend inneren Uhren im Körper, den tickenden, und von einer Invasion der Regenwürmer  in den Wäldern Nordamerikas, wie sie die Ordnung des Hauses stören. Sah auf meinem nach dem milchigen Strom der Sterne getauften Geräte, dem weit sprechenden mit der Welt verbundenen, dass Hunderte neuer Botschaften aus der Sphäre des Wissens zu lesen wären. Wischte mich durch die Flut der Neuigkeiten und sah mich im Netz um, dem erdumspannenden. Erfuhr, dass die AstraZeneca, unter die zehn grössten Riesen der Pharma gezählt, zwei mal tausend mal tausend Genome zu lesen plant, die Baupläne von Menschen. Vereint mit Craig Venter, dem Meere befahrenden, von jeher bestrebten, die Buchstaben des Lebens zu sammeln. Sah in der Zeitschrift den grün und golden schimmernden Panzer eines Sternotomis, des

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Sternotomis

Juwels unter den Bockkäfern, und des edlen Carabus elysii8700653976_f8f1c0deeb_b. dachte an die wertvollen Käferschätze in Basels der Natur gewidmetem Museum mit Sorge, weil die Schar der Käferkundigen schmilzt wie der Schnee in der Sonne.

Griff erschlagen von der Überzahl der möglichen Themen zu des Physikers John Freely Erzählung, wie er auf des listenreichen Helden Odysseus‘ Spuren

„Zurückp_801b7c97cf nach Ithaka“ reiste durchs Mittelmeer, die schönen Verse des blinden Dichters von Chios zitierend. Homers, homer_british_museumdes alten, der uns geplagt in der Schule und erfreut nun im Alter. Hörte von Zeus, dem dunkelwolkigen, dass er erst fünfzehn Jahrhunderte vor Beginn unserer Zeit nach Hellas gekommen war, um heute mit all seinen Geliebten und Gezeugten nur noch zwischen Buchdeckeln ein Leben auf Zeit zu fristen. Las von rotwangigen Schiffen und schwarzen, von in Leinen und schimmernde Bronze gepanzerten Helden. Hörte von Ioniern, die ihr Gewand am Boden nachschleppen und vom Pferdeherrn Nestor und seinen Männern in bauchigen Schiffen, die weit nach hinten sich strecken und schlagen mit Ruderblättern das Salzwasser. Las wieder vom schlimmen Los des Sysiphos

logo1und seinem vergeblichen Kampf mit dem schamlosen Felsen. Hörte toben die Waffen in einem Krieg, in dem es allein darum ging, die Schmach des Menelaos zu tilgen, dessen Helena mit Paris dem Troer durchgebrannt war. Ehrfurcht gebietend ähnlich war sie im Gesicht den unsterblichen Göttern. Genug Grund, dass die Männer sich jahrelang schlugen. Denn helfen wollten sie Menelaos, seine Schöne zurück zu holen. Am meisten drängte es ihn im Innern Rache für die Erregung und das Stöhnen der Helena zu nehmen. Solches und mehr also las ich und beschloss zu schreiben einen Hick-up in ähnlichem Tone. Von allem und keinem.

Als Hick-up am 3. Mai 2016 in der Basler Zeitung veröffentlicht.

Was diesmal anders und dramatisch besser ist

CORONA, Epidemien, Evolution, Hick-up, HIV, SARS-COV2, Universität Basel, Virologie
Corona-Viren SARS-COV2 – Bild NIAID Rocky Mpuntain Laboratory

Vieles ist anders bei dieser Seuche, manches gleich. Die Zeichen zum Beispiel. Als Regierungschefin Carrie Lam letzte Woche den Bewohnerinnen und Bewohnern Hongkongs und deren Gästen in einer überraschenden Kehrtwende mitteilte, dass es keine Flüge, Bahn- und Fährverbindungen mehr nach Festlandchina geben wird, trugen sie und ihre Begleiter dazu einen grünen chirurgischen Mundschutz. Die Masken sollten allen zeigen, wie ernst es Frau Lam nun mit dem Schutz Hongkongs vor dem neuen Virus aus Wuhan meinte. Ironischerweise nützt solcher Mundschutz nicht in erster Linie der Trägerin, sondern soll die im wörtlichen Sinne Nahestehenden vor deren Auswurf schützen: Aber nur Tröpfchen bleiben hängen, Worte nicht. Masken spielen im Seuchenszenario – erst recht in Asien – eine weit über ihre beschränkte praktische Funktion hinausreichende Rolle. Das ist gleich geblieben.

Anders ist dagegen diesmal, in welch unglaublich kurzer Zeit fundamentales Wissen zusammengetragen und geteilt wurde und wird. Wenn es denn stimmt, dass die erste Ansteckung mit einem aus dem Fledermaus-Reservoir stammenden mutierten und wahrscheinlich über eine Schleichkatze auf den ersten Menschen gesprungenen neuen Coronavirus so um den 1. Dezember stattgefunden hat, so sind in den nur acht Wochen seither schier unglaubliche Dinge erreicht worden. Bereits Anfang Januar war der Erreger als neues Coronavirus charakterisiert und vorerst 2019-nCov getauft. In den vier Wochen seither sind in China Genome zahlreicher aus Patienten und Patientinnen isolierter Virenvarianten buchstabiert und mit bemerkenswerter Offenheit geteilt und auf öffentlich zugänglichen Datenbanken deponiert worden. Man erinnert sich: 2002 vergingen Wochen, bis überhaupt die Existenz der Sars-Epidemie zugegeben wurde.

Hatten in Zeiten der Vogelgrippe verschiedene Länder und Institutionen noch Material und Informationen eifersüchtig gehütet, ist das heute völlig anders. Kommt dazu: Das Tempo der Wissensverteilung hat enorm zugenommen. Neue Daten werden in Echtzeit auf den sozialen Medien angekündigt und diskutiert, die angesehenen medizinischen Journale, sonst eher hermetisch, öffnen ihre Plattformen.

So kann es schon mal sein, dass – wie letzte Woche in einer in «Lancet» ausgestellten Arbeit über 99 in den ersten drei Januarwochen (!) im Jinyintan-Spital von Wuhan behandelte Patienten und Patientinnen – noch Daten aus den Vortagen der Publikation berücksichtigt sind. So was hätte man sich früher nicht vorstellen können.

Die neuen Sequenziertechniken der «nächsten Generation», in denen gerade chinesische Zentren enorm bewandert sind, liefern neu in verblüffend kurzer Zeit detaillierte Daten über die Buchstabenreihenfolgen in der den Viren als Erbmolekül dienenden RNA. Der Text der Coronaviren hat bis zu 30 000 Buchstaben. Sie gehören damit zu den grossen RNA-Viren.





Grösser können sie schon deshalb nicht werden, weil bei der Vermehrung und Verdoppelung zu viele Fehler passieren. Manche davon können als Mutationen weitergegeben werden und zum Beispiel die Fähigkeiten des Virus, einen Wirt zu befallen, schlagartig verbessern. Werden neue Daten zugänglich, können sie auf solche Dinge analysiert werden.

Das geschieht sofort und mit atemberaubendem Tempo. So hat Richard Neher, mit seiner Gruppe am Biozentrum der Universität Basel an der Evolution von krankheitserregenden Viren interessiert, bereits am 25. Januar aufgrund von 27 verfügbaren Virengenomen auf der für solche Zwecke gegründeten Plattform Nextstrain.org einen «Statusbericht» (auch auf Deutsch, ein Besuch lohnt sich) veröffentlicht. Darin wurde unter anderem belegt, dass sich die 27 verschiedenen Viren nur noch wenig unterscheiden und viel dafür spricht, dass der Sprung tatsächlich Anfang Dezember in Wuhan stattgefunden hat.

Prof. Richard Neher und Dr. Emma Hodcroft analysieren Erbgut-Sequenzen, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verfolgen. (Bild: SRF TV-Sendung «PULS», 9. März 2020. Uninews vom

Die Virendaten wurden übrigens über einen Server (Gisaid.org) geteilt, der eigentlich für den raschen Austausch von Daten über Grippeviren betrieben wird. Ein Beispiel dafür, wie Erfahrung nützlich wird. Inzwischen hat sich die Zahl der deponierten Virengenome längst verdoppelt.

Bei all den Tragödien und unvorhergesehenen Auswirkungen der aktuellen Epidemie ist dieser neue Umgang mit Information ermutigend. Je mehr wir wissen, desto besser überstehen wir diese Seuche – und die nächste. Sie kommt bestimmt.

Dieser Beitrag erschien als Hick-up in der Basler Zeitung vom 3. Februar 2020 und wurde am 25. Mörz mit aktuellen Links versehen.

Die faszinierende andere Hälfte

Allgemein

Hick-up vom 7. September 2010

Es ist das Unvollkommene, das den Menschen mächtig in Bann zieht. Es zu ergänzen ist sein stetiges Bemühen. Eine schöne Eigenschaft. Wie viel schöpferische Energie wird darauf angewendet, aus Stücken ein ansprechendes Ganzes zu machen. Eine Aufgabe, die unsere Aufmerksamkeit völlig fesseln kann. Zum Beispiel im Zug. Da werden wir unverhofft Zeugen von Gesprächen anderer Menschen. Kleine und grosse Dramen spielen sich am Handy ab, glückliche Momente dazu. Der Zug wird zu Büro und Beichtstuhl. Zum Hörspieltheater. So faszinierend, dass wir oft die Augen, kaum aber die Ohren abwenden können. Da ärgern sich manche darüber. Wo sie doch bewiesen bekommen, dass sie den schönen menschlichen Zug des Ganzmachens besitzen. Was wir hören, ist ja immer nur der eine Part. Zum Beispiel jener des Beichtvaters. Den Text der Sünderin dazu zu denken fordert mächtig Phantasie. So stark, dass man sich daneben mit Aufgaben schwertut, die Konzentration erfordern. Das haben kürzlich Lauren Emberson und andere an der Cornell-Universität bewiesen. Wer nur Ohrenzeuge von Gesprächshälften wird – die Forschenden nennen sie «Halbologe» –, fällt bei Konzentrationsaufgaben aus der Rolle. Vollständige Dialoge und Monologe stören viel weniger, heisst es in «Psychological Science». Wer also andere im Zug nicht zu stark ablenken will, telefoniert am besten mit Lautsprecher, damit alle alles hören und sich getrost auf andere faszinierende Sachen konzentrieren können. Zeitunglesen zum Beispiel.

Wohin verschwinden die Blaumeisen?

Allgemein, Biologie, Ornithologie, Verhaltensforschung, Zoologie
Blaumeise. Parus caeruleus. Foto Slawek Staszczuk/Wikipedia

Immer wieder mal eine Handvoll geschälte Sonnenblumenkerne auf den Fenstersims gestreut, das einst von den Kindern in der Schule geschnitzte Futterhäuschen aufgestellt und dazu, als Einladung für Akrobaten, noch ein Meisenknödel vom Grossverteiler aufgehängt: Das ist es so etwa, was man als städtischer Vogelliebhaber in Winterzeiten macht und sich dabei für wenig Geld als Wohltäter fühlen darf. Verdrängt wird ein Anflug von schlechtem Gewissen, weil ich der Natur mit meinem Füttern möglicherweise in das Auslese-Handwerk pfusche und die gefiederten Gäste davon abhalte, sich ihr Futter aufwändiger in der derzeit unwirtlichen Umgebung zu suchen und dabei ihre Fitness zu testen. Allerdings haben Blaumeisen, so wurde mal gezeigt, fremdgefüttert trotz aller eingesparten Zeit keine aufregenden Brutvorteile. Und die Weibchen bauen erst noch ihre Nester niedriger.

Blaumeisen hängen jetzt häufig kopfüber an der ihnen dargebotenen Kugel, in Konkurrenz mit den keckeren Kohlmeisen. Scharf beobachtet von zerzausten Spatzen, die rasch zu lernen scheinen, wie man einem Meisenknödel beikommt. Nur das Kopfüber will nie recht gelingen. Die edle graue Türkentaube, die in einer Turtelpause ihren aufgeblasenen Freier auf dem Baum verlässt und sich bei mir verpflegen will, verscheuch ich amtlich. Schliesslich ist seit Anfang Jahr das Taubenfüttern gesetzlich verboten.

Wie aus dem Nirgendwo waren die Meisen aufgetaucht, als es was zu fressen gab. Wo die Vögel zwischen Ende ihrer Brutzeit und Anfang Winter geblieben waren, ist ein Rätsel. Vermutet wird, dass ein Teil der Meisen ihren Standort um kurze Strecken dauerhaft verlagern kann. Das lässt auch eine aufwendige Meisenstudie vermuten, aus der eben Ergebnisse im «Journal of Animal Ecology» veröffentlicht wurden. Carol Gilsenan, Mihal Valcu und Bart Kampenaer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben in einem bayrischen Beobachtungsgebiet 277 Nistkästen und 16 Futterautomaten unterhalten und über vier Jahre registriert, was da in Sachen Blaumeisen läuft. Die beziehen als Höhlenbrüter gern angebotene Kästen.

Nistkasten 00 oder „Smart Nest Box) mit Lichtschranke und Registriereinrichtung .
Foto Julius Kramer

Wer immer hier ankam, wurde eingefangen, untersucht, registriert, musste ein bisschen Blut spenden und bekam einen Chip eingesetzt, der jeweils durch Lesegeräte in Nistkästen und Futterautomaten aktiviert wurde und aufzuzeichnen erlaubte, wo und wann wer auf Besuch kam. Wer fortan an Kasten oder Futterplatz landete, wurde identifiziert und Ankunft und Wegflug mit Zeit und Datum registriert. Am Schluss waren ganze 25’700’512 von insgesamt 1467 Individuen verursachte Ereignisse allein an den Nistkästen registriert. Dazu kamen 1’398’664 Ankünfte von 709 verschiedenen Vögeln an den Futterautomaten. Letztere waren übrigens mit zerstossenen Erdnüssen gefüllt.

Aus der Datenfülle liess sich unter anderem schliessen, dass die Blaumeisen, kaum haben die Jungen das Nest verlassen, auch ihrerseits oft in nicht genau identifizierte Gebiete wechseln. Im Juni, nach Abschluss des Brutgeschäfts, wurde es jedenfalls in Bayern still um die Kästen. Die meisten Meisen schienen verschwunden. Der vermeintliche Standvogel geht vermutlich auch gern auf Reisen, selbst wenn sie nur kurz ausfallen. Viele der registrierten Meisen lösten erst wieder im Herbst eine erste Meldung aus. Das könnten Standvögel gewesen sein, die in der Nähe blieben. Dagegen scheint ein weiterer Schwarm von Vögeln, die erst im Januar bis März eintrafen, wirklich auf grösseren Reisen gewesen zu sein.

Wer früh heimkehrt, hat jedenfalls Vorteile, zeigen die Daten. Es ist einfacher, ein Revier zu finden, und man kann früher mit Brüten beginnen. Männchen sind zuerst da, im Schnitt mehrere Monate vor den Weibchen. Wer aber schon früher mit jemandem gebrütet hat, scheint die Ankunftszeit absprechen zu können. Oft treffen solche Männchen und Weibchen gleichzeitig ein. Verpassen sich die beiden steigt allerdings nach einer Woche Wartezeit die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung steil an, berichten die Forschenden aus Seewiesen.

Blaumeisen sind im Prinzip monogam, aber Seitensprünge mit Folgen sind häufig. Beide Eltern kümmern sich um das Füttern der Jungen und schleppen angeblich bis zu 12 000 eiweissreiche Beutestücke an. Der Nestbau allerdings ist von der Moosunterlage bis zur Federverzierung des Nestrands am Schluss Frauensache. Von gänzlichem Verschwinden kann bei Blaumeisen übrigens keine Rede sein. Ihre Zahl nimmt zu. Bis zu 300’000 Paare brüten laut Vogelwarte Sempach in der Schweiz.

Erschien als Hick-up am 20. Januar 2020 in der Basler Zeitung.

Herz aus schwarzem Loch und redende Kaugummis

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EHT-Corporation

Es sieht aus wie ein weihnächtlich beleuchtetes Willisauer Ringli. Mit einem dunklen Loch in der Mitte, in dem man mit gutem Willen sogar eine Herzform erkennen kann. Zwanzig Jahre lang haben Wissen Schaffende daran gearbeitet, ein solches Bild zu bekommen, mit Scharen von weltweit zusammengeschalteten Radioteleskopen und ihren horchenden Schüsseln. Es ist das erste Bild eines astronomischen Objekts, das man definitionsgemäss eigentlich gar nicht abbilden kann, weil es alles Licht unwiederbringlich schluckt.

Gerade deswegen ist das von tanzenden Photonen umspielte Porträt von Messier 87* oder M87*, einem mächtigen schwarzen Loch in der Riesengalaxie Messier 87 im Sternbild Jungfrau, vom amerikanischen Wissenschaftsjournal zum «Durchbruch» des Jahres 2019 ausgerufen worden. Hat Sagittarius A*, das schwarze Loch in der Mitte unserer Galaxie, «nur» die Masse von vier Millionen Sonnen geschluckt, so ist M87* mit bis zu sieben Milliarden verdauten Sonnenmassen weit über tausendmal reicher an Masse, allerdings auch 2000-mal weiter entfernt.

Durchbruch auch in Basel. An der hiesigen Universität freut man sich mächtig, dass der Bundesrat oder Schweizer Nationalfonds an Basels gescheitestes Haus gleich zwei Schwerpunktprogramme vergeben hat. Die Bescherung ist kein Zufall. Die Vergabe, scheint mir, geschah für einmal richtigerweise nach Matthäus 25,29: Wer was hat (oder bietet), dem wird gegeben. Basels theoretische Feststoffphysiker und -physikerinnen sind seit langem damit beschäftigt, sich auszudenken, wie ein Quantencomputer funktionieren müsste.

Bereits seit 1996 ist mit Daniel Loss einer der Pioniere auf dem Gebiet hier tätig. 1998 hatte er mit dem IBM-Forscher David DiVincenzo einen Vorschlag publiziert, wie man mit Qubits rechnen könnte und was die nötigen Voraussetzungen dazu wären. Das Paper über den «Loss-DiVincenzo-Quantencomputer» ist bis gestern laut Google Scholar 7468-mal zitiert worden.

Am 18. Januar 2020 war der Zähler der Zitierungen bereits bei 7519.

Inzwischen hat man in der Basler Physik, vertraut mit der Arbeit im Nanobereich, enorme Fortschritte im Umgang mit Qubits, Spins und Quantenpunkten gemacht. Dazu sitzt als Partnerin schon fast aus Tradition IBM mit im Boot, die ihrerseits in Sachen Quantencomputer mit Googles Alphabet um die Spitze streitet. Keine schlechte Kombination, mit Spin das gesetzte Ziel zu erreichen: verlässliche schnelle Qubits in Silizium zu betreiben.

Was für Spin gilt, kann auch AntiResist in Anspruch nehmen. Es wird dank über Jahre aufgebauter Expertise mit neuen Methoden versuchen, verborgene Achillesfersen bei resistenten Mikroben zu entdecken. Es war eben klug, am Biozentrum die Mikrobiologie systematisch auszubauen und auf Spitze zu setzen. Mit der baldigen Nachbarschaft zum ETH-Departement für Systembiologie D-BSSE kommen weitere technische Möglichkeiten der Bioingenieurwissenschaften wie Mikrofluidik in Griffweite, die den Umgang mit kleinsten Mengen von Flüssigkeiten erlauben und für Forschung und Entwicklung genutzt werden können.

Kommt dazu, dass auf dem Nachbarcampus das Universitätsspital als mächtiger Partner nahe ist. Ein weites Feld wird auf engstem Raum beackert. Das gibt es so nur selten.

Wie weit biologische Forschung vorangekommen ist, mag ein 5700 Jahre alter dänischer Kaugummi illustrieren.

chewing-gum-loresLetzte Woche wurde in «Nature Communications» berichtet, wie man ein kaum zentimetergrosses Stück Birkenharz zum Reden gebracht hat. Wie eine genetische Analyse ergab, muss einst das süsse Stück von einem rund siebenjährigen, dunkelhaarigen und braunhäutigen Mädchen mit blauen Augen gekaut worden sein.

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So könnte das Mädchen mit dem Kaugummi ausgesehen haben. Bild Tom Björklund

Das Genom des Mädchens war im Harz gut erhalten. Aus dem Kaustück liess sich zudem entnehmen, was das Mädchen zuletzt gegessen hatte und dass zahnschädigende Bakterien die Mundhöhle bewohnten. Fast 6000 Jahre nachdem das Mädchen ihren Kaugummi weggeworfen hat, lässt sich noch immer unglaublich viel erfahren.

Das zeigt nicht nur, wie weit biologische Forschung vorangekommen ist, sondern mag auch all jenen als Warnung dienen, die heute ihre Kaugummis achtlos auf die Edelquarz-Platten spucken, mit denen Basels Prachtstrassen belegt werden. Aufgepasst: Die hässlichen schwarzen Flecken könnten reden.

Dieser Text ist am 23. Dezember 2019 als Hick-up in der Basler Zeitung erschienen.

Grillen auf der Datenbank

Allgemein, Hick-up, Insekten, Naturhistorisches Museum, Sammlungen, Zoologie

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Alexander Stubbs mit neuentdeckter Schlange. Foto Alexander Stubbs

Mit einer schlanken Schlange auf dem Arm sieht man Alexander L. Stubbs auf der Website des Museums für Wirbeltierzoologie (MVZ) der Universität von Kalifornien in Berkeley posieren. Klar doch, der Doktorand an diesem Haus mit der drittgrössten Säugersammlungder USA hat noch vor Kurzem auf den Kei-Inseln im Osten Indonesiens neue Arten für die 287 000-teilige Amphibien- und Reptilienkollektion des Museums entdeckt. Doch der junge Forscher hat einen weiteren Grund zu lachen. Dank seines akustischen Erinnerungsvermögens wurde – die SonntagsZeitung hat kürzlich darüber berichtet – das bedrohliche Rätsel des «Havanna-Syndroms» mit einem Schlag gelöst. Für alle, die das verpasst haben: Amerikanische Diplomaten, von der Obama-Administration neu in Kubas Hauptstadt installiert, hatten 2016 über schrille Schallattacken zu klagen begonnen. Tinnitus und allerlei Nebenfolgen traten auf. Schnell wuchs der Verdacht, dass üble Täter am Werk sein könnten. Von Schallwaffen war die Rede. Vermutungen hatten freies Spiel und die Spannungen nahmen zu. Bis Alexander Stubbs eine von der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Internet verbreitete Probe zu hören bekam. Da fiel ihm auf, dass es auf Expeditionen in Costa Rica gleich ohrenbetäubend getönt hatte. Mit Fernando Montealegre-Zapata, einem Fachmann für Bioakustik an der Universität Lincoln in England, wurde das Schallspektrum analysiert – und bald war geklärt: Das Geschrill ist das Werk paarungsbereiter und deshalb fleissig stridulierender Männchen der Karibischen Kurzschwanzgrille Anurogryllus celerinictus.:

Mit geliehenen Genen ins Schlaraffenland

Allgemein, Evolution, Käfer, Zoologie

Jedes Jahr werden Hunderte neuer Arten in dieser Insektenordnung beschrieben, so wenig nur, weil es nicht mehr so viele Spezialistinnen und Spezialisten gibt, die sich mit den geflügelten Sechsbeinern auskennen und darum nach ihnen Ausschau halten. Sie arbeiten meistens in Naturhistorischen Museen. Wie dies auch in Basel der Fall ist, dessen Museum bekanntlich eine der weltweit grossen und bedeutenden Käfersammlungen birgt.

Mit einem Lächeln vermummt

Allgemein

Richard Madonna, Professor an der State University of New York (Suny), wollte an jenem Tag mit einem Stellenbewerber essen gehen. Dabei hatte er den seinem Arbeitsort, dem College of Optometry, nahe gelegenen Bryant Park zu queren. Das war an einem Märztag knapp vor 12.52 Uhr und lässt sich belegen. Denn drei Kameras eines Parkrestaurants hatten den Augenvermesser ins Bild gefasst. Nur zufällig, denn die Web-Kameras sollen lediglich abbilden, wie einladend die Situation sich auf dem Platz gerade darstellt. Umso verblüffter war der Professor, als man ihn darauf aufmerksam machte, dass man ihn identifiziert hatte, und wohl auch darüber, dass es Journalisten der «New York Times» waren, die ihn geortet hatten. Sie hatten zeigen wollen, dass es jedermann mit sehr wenig Geld und Aufwand ganz legal möglich ist, auf Videoaufzeichnungen Menschen anhand ihrer Gesichter identifizieren zu lassen.

Hohe Treffsicherheit

Credit: WIRED

Nur neun Stunden Band hatten sie durch den Amazon-Webdienst «Rekognition» analysieren lassen. Er sucht nach Gesichtern und gleicht sie mit einer Datenbank ab. Die hatte das NYT-Team im Rahmen seines «Privacy Project» selbst erstellt, indem es öffentlich erhältliche Porträts von in benachbarten Institutionen beschäftigten Leuten einsammelte. Richard Madonna war mit dabei. 2750 Gesichter waren auf den Aufzeichnungen, die Treffsicherheit hoch. Das Beispiel zeigt, wie weit man auch ohne Spezialisierung mit ein paar Kameras kommen kann. Drei unter Tausenden allein in Manhattan. Die Infrastruktur ist weitgehend vorhanden, auch wenn die Cams, wie Bryant Park zeigt, ursprünglich gar nicht für Personenerkennung aufgestellt worden waren. Zwar kommt es auf gute Auflösung an. Doch entscheidend ist, wie effizient das Material analysiert werden kann. Mussten früher Bänder einzeln durchgesehenwerden undwar es ein Mensch, der nach bekannten Gesichtern zu spähen hatte, sind es heute automatisierte Systeme.

Erfreulich oder beängstigend gut

Ein Gesicht als solches erkennen kann heute praktisch jedes fotografierende Gerät. Es einer Person exakt zuzuordnen, ist dagegen eine heiklere Aufgabe. Je nach Situation und Fragestellung kann eine falsche Zuordnung verheerend sein. Darum müssen Daten verlässlich, die Geometrisierung verschiedener Punkte möglichst perfekt sein. Dann allerdings sind die Resultate je nach Sichtweise erfreulich oder beängstigend gut. Die Systeme mit ihren Algorithmen sind laufend verbessert worden und lernen ständig dazu. Heute können auch bewegte Gesichter selbst aus ungewohnter Perspektive und in Teilen erstaunlich gut zugeordnet werden. Und bei Bedarf nicht erst im Nachhinein, sondern in Echtzeit.

Nicht umsonst nutzen Staaten wie die Volksrepublik China solche Systeme, um angeblich für die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, wohl aber eher jene der politischen Ordnung zu sorgen. Davon sind wir weit entfernt, auch wenn die gesetzlichen Regelungen des Umgangs mit privaten Daten dem technischen Fortschritt in der Regel weit hinterherhinken. Die Versuchungen sind gross, mit Verweis auf gemeinnützliche Anwendungen – etwa der Sicherheit – das Recht auf Anonymität mehr und mehr zu ritzen.

Zur Erosion trägt bei, dass wir nach und nach dazu verführt werden, mit unseren persönlichen Daten lockerer umzugehen. Wer ständig preisgibt, wo er oder sie sich aufhält, und davon auch noch allen Freunden und Bekannten auf sozialen Medien reich illustriert erzählt, scheint alles andere als unerkannt bleiben zu wollen. Der generelle Verhaltenstrend könnte dazu führen, dass man nach und nach die Regeln weiter lockert und es mit einem Recht auf Anonymität bald nicht mehr weit her ist.

Bad in der Menge

Ein Bad in der anonymen Menge ist jedenfalls auch nicht mehr das, was es einmal war. Wir bleiben leicht erkennbar. Vielleicht sollte man es noch vermummt versuchen: mit einem dauerhaften Lächeln. Auf Passfotos müssen wir nämlich ernst bleiben, weil sonst wegen der Verschiebung der Messpunkte in einem lachenden Gesicht die Wiedererkennung nicht so gut funktioniert.

Dieser Beitrag erschien am 20. April 2019 als Hick-up in der Basler Zeitung

Franz Leuthardt-Preis 2019

Allgemein



Die neu gewählte Präsidentin der Naturforschenden Gesellschaft Baselland, Frau
Dr. Ila Geigenfeind, hat mir am 27. März abends im Foyer des Museum.BL von Liestal den Franz Leuthardt Preis 2019 überreicht: Einen in Glas wunderbar leuchtenden Ammoniten. Das ist eine grosse Ehre und freut mich natürlich sehr. Ich durfte an diesem Abend auch einen Vortrag halten und mit den Zuhörenden einige Gedanken teilen, wie man Wissenschaft für Laien attraktiv vermittelt. Etwas, was ich schon einige Zeit vor allem in der Basler Zeitung in Kolumnen – auch für Kinder (und Grosseltern) – versuche und wohl noch immer verbessern könnte.



Hier geht es zur Medienmitteilung der NGBL

Dr. Franz Leuthardt (1861-1934), Gründungspräsident der NGBL in seinem Studierzimmer

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