Wohin verschwinden die Blaumeisen?

Allgemein, Biologie, Ornithologie, Verhaltensforschung, Zoologie
Blaumeise. Parus caeruleus. Foto Slawek Staszczuk/Wikipedia

Immer wieder mal eine Handvoll geschälte Sonnenblumenkerne auf den Fenstersims gestreut, das einst von den Kindern in der Schule geschnitzte Futterhäuschen aufgestellt und dazu, als Einladung für Akrobaten, noch ein Meisenknödel vom Grossverteiler aufgehängt: Das ist es so etwa, was man als städtischer Vogelliebhaber in Winterzeiten macht und sich dabei für wenig Geld als Wohltäter fühlen darf. Verdrängt wird ein Anflug von schlechtem Gewissen, weil ich der Natur mit meinem Füttern möglicherweise in das Auslese-Handwerk pfusche und die gefiederten Gäste davon abhalte, sich ihr Futter aufwändiger in der derzeit unwirtlichen Umgebung zu suchen und dabei ihre Fitness zu testen. Allerdings haben Blaumeisen, so wurde mal gezeigt, fremdgefüttert trotz aller eingesparten Zeit keine aufregenden Brutvorteile. Und die Weibchen bauen erst noch ihre Nester niedriger.

Blaumeisen hängen jetzt häufig kopfüber an der ihnen dargebotenen Kugel, in Konkurrenz mit den keckeren Kohlmeisen. Scharf beobachtet von zerzausten Spatzen, die rasch zu lernen scheinen, wie man einem Meisenknödel beikommt. Nur das Kopfüber will nie recht gelingen. Die edle graue Türkentaube, die in einer Turtelpause ihren aufgeblasenen Freier auf dem Baum verlässt und sich bei mir verpflegen will, verscheuch ich amtlich. Schliesslich ist seit Anfang Jahr das Taubenfüttern gesetzlich verboten.

Wie aus dem Nirgendwo waren die Meisen aufgetaucht, als es was zu fressen gab. Wo die Vögel zwischen Ende ihrer Brutzeit und Anfang Winter geblieben waren, ist ein Rätsel. Vermutet wird, dass ein Teil der Meisen ihren Standort um kurze Strecken dauerhaft verlagern kann. Das lässt auch eine aufwendige Meisenstudie vermuten, aus der eben Ergebnisse im «Journal of Animal Ecology» veröffentlicht wurden. Carol Gilsenan, Mihal Valcu und Bart Kampenaer vom Max-Planck-Institut für Ornithologie in Seewiesen haben in einem bayrischen Beobachtungsgebiet 277 Nistkästen und 16 Futterautomaten unterhalten und über vier Jahre registriert, was da in Sachen Blaumeisen läuft. Die beziehen als Höhlenbrüter gern angebotene Kästen.

Nistkasten 00 oder „Smart Nest Box) mit Lichtschranke und Registriereinrichtung .
Foto Julius Kramer

Wer immer hier ankam, wurde eingefangen, untersucht, registriert, musste ein bisschen Blut spenden und bekam einen Chip eingesetzt, der jeweils durch Lesegeräte in Nistkästen und Futterautomaten aktiviert wurde und aufzuzeichnen erlaubte, wo und wann wer auf Besuch kam. Wer fortan an Kasten oder Futterplatz landete, wurde identifiziert und Ankunft und Wegflug mit Zeit und Datum registriert. Am Schluss waren ganze 25’700’512 von insgesamt 1467 Individuen verursachte Ereignisse allein an den Nistkästen registriert. Dazu kamen 1’398’664 Ankünfte von 709 verschiedenen Vögeln an den Futterautomaten. Letztere waren übrigens mit zerstossenen Erdnüssen gefüllt.

Aus der Datenfülle liess sich unter anderem schliessen, dass die Blaumeisen, kaum haben die Jungen das Nest verlassen, auch ihrerseits oft in nicht genau identifizierte Gebiete wechseln. Im Juni, nach Abschluss des Brutgeschäfts, wurde es jedenfalls in Bayern still um die Kästen. Die meisten Meisen schienen verschwunden. Der vermeintliche Standvogel geht vermutlich auch gern auf Reisen, selbst wenn sie nur kurz ausfallen. Viele der registrierten Meisen lösten erst wieder im Herbst eine erste Meldung aus. Das könnten Standvögel gewesen sein, die in der Nähe blieben. Dagegen scheint ein weiterer Schwarm von Vögeln, die erst im Januar bis März eintrafen, wirklich auf grösseren Reisen gewesen zu sein.

Wer früh heimkehrt, hat jedenfalls Vorteile, zeigen die Daten. Es ist einfacher, ein Revier zu finden, und man kann früher mit Brüten beginnen. Männchen sind zuerst da, im Schnitt mehrere Monate vor den Weibchen. Wer aber schon früher mit jemandem gebrütet hat, scheint die Ankunftszeit absprechen zu können. Oft treffen solche Männchen und Weibchen gleichzeitig ein. Verpassen sich die beiden steigt allerdings nach einer Woche Wartezeit die Wahrscheinlichkeit einer Scheidung steil an, berichten die Forschenden aus Seewiesen.

Blaumeisen sind im Prinzip monogam, aber Seitensprünge mit Folgen sind häufig. Beide Eltern kümmern sich um das Füttern der Jungen und schleppen angeblich bis zu 12 000 eiweissreiche Beutestücke an. Der Nestbau allerdings ist von der Moosunterlage bis zur Federverzierung des Nestrands am Schluss Frauensache. Von gänzlichem Verschwinden kann bei Blaumeisen übrigens keine Rede sein. Ihre Zahl nimmt zu. Bis zu 300’000 Paare brüten laut Vogelwarte Sempach in der Schweiz.

Erschien als Hick-up am 20. Januar 2020 in der Basler Zeitung.

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