Was diesmal anders und dramatisch besser ist

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Corona-Viren SARS-COV2 – Bild NIAID Rocky Mpuntain Laboratory

Vieles ist anders bei dieser Seuche, manches gleich. Die Zeichen zum Beispiel. Als Regierungschefin Carrie Lam letzte Woche den Bewohnerinnen und Bewohnern Hongkongs und deren Gästen in einer überraschenden Kehrtwende mitteilte, dass es keine Flüge, Bahn- und Fährverbindungen mehr nach Festlandchina geben wird, trugen sie und ihre Begleiter dazu einen grünen chirurgischen Mundschutz. Die Masken sollten allen zeigen, wie ernst es Frau Lam nun mit dem Schutz Hongkongs vor dem neuen Virus aus Wuhan meinte. Ironischerweise nützt solcher Mundschutz nicht in erster Linie der Trägerin, sondern soll die im wörtlichen Sinne Nahestehenden vor deren Auswurf schützen: Aber nur Tröpfchen bleiben hängen, Worte nicht. Masken spielen im Seuchenszenario – erst recht in Asien – eine weit über ihre beschränkte praktische Funktion hinausreichende Rolle. Das ist gleich geblieben.

Anders ist dagegen diesmal, in welch unglaublich kurzer Zeit fundamentales Wissen zusammengetragen und geteilt wurde und wird. Wenn es denn stimmt, dass die erste Ansteckung mit einem aus dem Fledermaus-Reservoir stammenden mutierten und wahrscheinlich über eine Schleichkatze auf den ersten Menschen gesprungenen neuen Coronavirus so um den 1. Dezember stattgefunden hat, so sind in den nur acht Wochen seither schier unglaubliche Dinge erreicht worden. Bereits Anfang Januar war der Erreger als neues Coronavirus charakterisiert und vorerst 2019-nCov getauft. In den vier Wochen seither sind in China Genome zahlreicher aus Patienten und Patientinnen isolierter Virenvarianten buchstabiert und mit bemerkenswerter Offenheit geteilt und auf öffentlich zugänglichen Datenbanken deponiert worden. Man erinnert sich: 2002 vergingen Wochen, bis überhaupt die Existenz der Sars-Epidemie zugegeben wurde.

Hatten in Zeiten der Vogelgrippe verschiedene Länder und Institutionen noch Material und Informationen eifersüchtig gehütet, ist das heute völlig anders. Kommt dazu: Das Tempo der Wissensverteilung hat enorm zugenommen. Neue Daten werden in Echtzeit auf den sozialen Medien angekündigt und diskutiert, die angesehenen medizinischen Journale, sonst eher hermetisch, öffnen ihre Plattformen.

So kann es schon mal sein, dass – wie letzte Woche in einer in «Lancet» ausgestellten Arbeit über 99 in den ersten drei Januarwochen (!) im Jinyintan-Spital von Wuhan behandelte Patienten und Patientinnen – noch Daten aus den Vortagen der Publikation berücksichtigt sind. So was hätte man sich früher nicht vorstellen können.

Die neuen Sequenziertechniken der «nächsten Generation», in denen gerade chinesische Zentren enorm bewandert sind, liefern neu in verblüffend kurzer Zeit detaillierte Daten über die Buchstabenreihenfolgen in der den Viren als Erbmolekül dienenden RNA. Der Text der Coronaviren hat bis zu 30 000 Buchstaben. Sie gehören damit zu den grossen RNA-Viren.





Grösser können sie schon deshalb nicht werden, weil bei der Vermehrung und Verdoppelung zu viele Fehler passieren. Manche davon können als Mutationen weitergegeben werden und zum Beispiel die Fähigkeiten des Virus, einen Wirt zu befallen, schlagartig verbessern. Werden neue Daten zugänglich, können sie auf solche Dinge analysiert werden.

Das geschieht sofort und mit atemberaubendem Tempo. So hat Richard Neher, mit seiner Gruppe am Biozentrum der Universität Basel an der Evolution von krankheitserregenden Viren interessiert, bereits am 25. Januar aufgrund von 27 verfügbaren Virengenomen auf der für solche Zwecke gegründeten Plattform Nextstrain.org einen «Statusbericht» (auch auf Deutsch, ein Besuch lohnt sich) veröffentlicht. Darin wurde unter anderem belegt, dass sich die 27 verschiedenen Viren nur noch wenig unterscheiden und viel dafür spricht, dass der Sprung tatsächlich Anfang Dezember in Wuhan stattgefunden hat.

Prof. Richard Neher und Dr. Emma Hodcroft analysieren Erbgut-Sequenzen, um die Ausbreitung des Corona-Virus zu verfolgen. (Bild: SRF TV-Sendung «PULS», 9. März 2020. Uninews vom

Die Virendaten wurden übrigens über einen Server (Gisaid.org) geteilt, der eigentlich für den raschen Austausch von Daten über Grippeviren betrieben wird. Ein Beispiel dafür, wie Erfahrung nützlich wird. Inzwischen hat sich die Zahl der deponierten Virengenome längst verdoppelt.

Bei all den Tragödien und unvorhergesehenen Auswirkungen der aktuellen Epidemie ist dieser neue Umgang mit Information ermutigend. Je mehr wir wissen, desto besser überstehen wir diese Seuche – und die nächste. Sie kommt bestimmt.

Dieser Beitrag erschien als Hick-up in der Basler Zeitung vom 3. Februar 2020 und wurde am 25. Mörz mit aktuellen Links versehen.

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