Grillen auf der Datenbank

Allgemein, Hick-up, Insekten, Naturhistorisches Museum, Sammlungen, Zoologie
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Alexander Stubbs mit neuentdeckter Schlange. Foto Alexander Stubbs

Mit einer schlanken Schlange auf dem Arm sieht man Alexander L. Stubbs auf der Website des Museums für Wirbeltierzoologie (MVZ) der Universität von Kalifornien in Berkeley posieren. Klar doch, der Doktorand an diesem Haus mit der drittgrössten Säugersammlungder USA hat noch vor Kurzem auf den Kei-Inseln im Osten Indonesiens neue Arten für die 287 000-teilige Amphibien- und Reptilienkollektion des Museums entdeckt. Doch der junge Forscher hat einen weiteren Grund zu lachen. Dank seines akustischen Erinnerungsvermögens wurde – die SonntagsZeitung hat kürzlich darüber berichtet – das bedrohliche Rätsel des «Havanna-Syndroms» mit einem Schlag gelöst. Für alle, die das verpasst haben: Amerikanische Diplomaten, von der Obama-Administration neu in Kubas Hauptstadt installiert, hatten 2016 über schrille Schallattacken zu klagen begonnen. Tinnitus und allerlei Nebenfolgen traten auf. Schnell wuchs der Verdacht, dass üble Täter am Werk sein könnten. Von Schallwaffen war die Rede. Vermutungen hatten freies Spiel und die Spannungen nahmen zu. Bis Alexander Stubbs eine von der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) im Internet verbreitete Probe zu hören bekam. Da fiel ihm auf, dass es auf Expeditionen in Costa Rica gleich ohrenbetäubend getönt hatte. Mit Fernando Montealegre-Zapata, einem Fachmann für Bioakustik an der Universität Lincoln in England, wurde das Schallspektrum analysiert – und bald war geklärt: Das Geschrill ist das Werk paarungsbereiter und deshalb fleissig stridulierender Männchen der Karibischen Kurzschwanzgrille Anurogryllus celerinictus.:

Beschrieben und getauft hatte sie 1973 als Erster der heute 88-jährige Grillenforscher Thomas J. Walker der Universität Florida

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Thomas J. Walker

und mit Schall, Bild, Fundorten und Infos in seine «Sina», eine früh gegründete Datensammlung der «Singenden Insekten von Nordamerika»eingebracht. Für jeden Eintrag braucht es eine eindeutige Begegnung, eine klare Tonaufnahme und genaues Hinsehen. Pionier Walker hat denn auch nachgezählt, dass Anurogryllus celerinictus auf der Schrillleiste am Flügel 17 Zähnchen pro Millimeter aufweist. Sie wird bis zu 180 Mal pro Sekunde über die Schrillkante gestrichen.

Ohne die Walkersche Datenbank wäre die jetzt in einer umfangreichen Arbeit beschriebene Identifikation der Täter kaum möglich gewesen. Was zeigt, wie wichtig solche geordneten Sammlungen von gesicherten Belegen sind. Seien es nun Insekten, in Herbarien aufbewahrte Pflanzen, Mineralien, Gesteinsproben oder Knochen: Jedes einzelne Stück, ob es sich um eine stecknadelkopfkleine Erzwespe, eine Bohrprobe, Ameisen oder eine in Alkohol aufbewahrte Blindschleiche handelt, ist fachlich präpariert, begutachtet, bestimmt und beschriftet worden.

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17 Exemplare aus den Millionen Objekte zählenden Käfersammlungen im Naturhistorischen Museum Basel

Die Sammlungen sind einzigartig, unwiederholbar und beantworten – wie das Beispiel Havanna-Syndrom zeigt – auch mal überraschend neue Fragen.

Dass man heute physisch weit auseinanderliegende Bestände dank Digitalisierung für die forschende Welt und die Allgemeinheit erreichbar machen kann, ist eine unglaubliche Chance. Doch sie wird bei uns noch zu wenig genutzt. Die Schweiz besitzt einen Reichtum von schätzungsweise 60 Millionen Objekten in verschiedenen Institutionen, rechnete letzte Woche die Akademie der Naturwissenschaften SCNAT vor. Sie sind nur zu 17 Prozent digitalisiert. Die SCNAT will das ändern und lanciert eine neue Plattform. Für deren Aufbau benötigt sie als Startkapital rund 14 Millionen Franken. Basel steht als Sammlungsort hinter Genf an der Spitze. Das Naturhistorische Museum allein zählt 11,8 Millionen Sammelstücke. Darunter Fossilien, Insekten oder etwa die grösste Vogelbalg-Sammlung der Schweiz.Die Bestände sind nur zu zehn Prozent digitalisiert. Zählt man die Herbarien der Botaniker oder das Orchideenherbar des Jani Renz dazu, wird noch deutlicher, wie viel wissenschaftlicher Reichtum da für die Allgemeinheit bereit gehalten wird und in manchen Bereichen noch erschlossen werden kann. Das gilt es besonders im Auge zu behalten, wenn man über die Zukunft des Museums diskutiert.


Dieser Text ist am 26. Januar 2019 als Hick-up in der Basler Zeitung erschienen.

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