Mit einem Lächeln vermummt

Allgemein

Richard Madonna, Professor an der State University of New York (Suny), wollte an jenem Tag mit einem Stellenbewerber essen gehen. Dabei hatte er den seinem Arbeitsort, dem College of Optometry, nahe gelegenen Bryant Park zu queren. Das war an einem Märztag knapp vor 12.52 Uhr und lässt sich belegen. Denn drei Kameras eines Parkrestaurants hatten den Augenvermesser ins Bild gefasst. Nur zufällig, denn die Web-Kameras sollen lediglich abbilden, wie einladend die Situation sich auf dem Platz gerade darstellt. Umso verblüffter war der Professor, als man ihn darauf aufmerksam machte, dass man ihn identifiziert hatte, und wohl auch darüber, dass es Journalisten der «New York Times» waren, die ihn geortet hatten. Sie hatten zeigen wollen, dass es jedermann mit sehr wenig Geld und Aufwand ganz legal möglich ist, auf Videoaufzeichnungen Menschen anhand ihrer Gesichter identifizieren zu lassen.

Hohe Treffsicherheit

Credit: WIRED

Nur neun Stunden Band hatten sie durch den Amazon-Webdienst «Rekognition» analysieren lassen. Er sucht nach Gesichtern und gleicht sie mit einer Datenbank ab. Die hatte das NYT-Team im Rahmen seines «Privacy Project» selbst erstellt, indem es öffentlich erhältliche Porträts von in benachbarten Institutionen beschäftigten Leuten einsammelte. Richard Madonna war mit dabei. 2750 Gesichter waren auf den Aufzeichnungen, die Treffsicherheit hoch. Das Beispiel zeigt, wie weit man auch ohne Spezialisierung mit ein paar Kameras kommen kann. Drei unter Tausenden allein in Manhattan. Die Infrastruktur ist weitgehend vorhanden, auch wenn die Cams, wie Bryant Park zeigt, ursprünglich gar nicht für Personenerkennung aufgestellt worden waren. Zwar kommt es auf gute Auflösung an. Doch entscheidend ist, wie effizient das Material analysiert werden kann. Mussten früher Bänder einzeln durchgesehenwerden undwar es ein Mensch, der nach bekannten Gesichtern zu spähen hatte, sind es heute automatisierte Systeme.

Erfreulich oder beängstigend gut

Ein Gesicht als solches erkennen kann heute praktisch jedes fotografierende Gerät. Es einer Person exakt zuzuordnen, ist dagegen eine heiklere Aufgabe. Je nach Situation und Fragestellung kann eine falsche Zuordnung verheerend sein. Darum müssen Daten verlässlich, die Geometrisierung verschiedener Punkte möglichst perfekt sein. Dann allerdings sind die Resultate je nach Sichtweise erfreulich oder beängstigend gut. Die Systeme mit ihren Algorithmen sind laufend verbessert worden und lernen ständig dazu. Heute können auch bewegte Gesichter selbst aus ungewohnter Perspektive und in Teilen erstaunlich gut zugeordnet werden. Und bei Bedarf nicht erst im Nachhinein, sondern in Echtzeit.

Nicht umsonst nutzen Staaten wie die Volksrepublik China solche Systeme, um angeblich für die Sicherheit ihrer Bürgerinnen und Bürger, wohl aber eher jene der politischen Ordnung zu sorgen. Davon sind wir weit entfernt, auch wenn die gesetzlichen Regelungen des Umgangs mit privaten Daten dem technischen Fortschritt in der Regel weit hinterherhinken. Die Versuchungen sind gross, mit Verweis auf gemeinnützliche Anwendungen – etwa der Sicherheit – das Recht auf Anonymität mehr und mehr zu ritzen.

Zur Erosion trägt bei, dass wir nach und nach dazu verführt werden, mit unseren persönlichen Daten lockerer umzugehen. Wer ständig preisgibt, wo er oder sie sich aufhält, und davon auch noch allen Freunden und Bekannten auf sozialen Medien reich illustriert erzählt, scheint alles andere als unerkannt bleiben zu wollen. Der generelle Verhaltenstrend könnte dazu führen, dass man nach und nach die Regeln weiter lockert und es mit einem Recht auf Anonymität bald nicht mehr weit her ist.

Bad in der Menge

Ein Bad in der anonymen Menge ist jedenfalls auch nicht mehr das, was es einmal war. Wir bleiben leicht erkennbar. Vielleicht sollte man es noch vermummt versuchen: mit einem dauerhaften Lächeln. Auf Passfotos müssen wir nämlich ernst bleiben, weil sonst wegen der Verschiebung der Messpunkte in einem lachenden Gesicht die Wiedererkennung nicht so gut funktioniert.

Dieser Beitrag erschien am 20. April 2019 als Hick-up in der Basler Zeitung

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