Fast drei Millionen Münchner eingebaslert

Allgemein, Hick-up, Käfer, Naturhistorisches Museum, Zoologie

 

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6925 Stunden arbeitete eine Gruppe junger Biologinnen und Biologen im Basler Naturhistorischen Museum an einer immensen Aufgabe. 6700 Vitrinenschubladen oder «Kästen» (siehe Bild) mussten auf die Art und Herkunft der mit winzigen Etiketten bestückten Insassen kontrolliert und überprüft werden. Jetzt ist auch per Datenbank abrufbar, wie grossartig die Sammlung des bayrischen Lodenfabrikanten und Käferforschers Dr. h.c. Georg Frey ist. Sie enthält 120 216 verschiedene Gruppen (Taxa) von Käfern, darunter die Exemplare von 20 000 Käferarten, anhand derer die Art erstmals beschrieben wurde.

Allein Georg Freys Lieblingsfamilie der Blatthornkäfer oder Scarabaeoidea, zu denen der ägyptische Pillendreher wie der Maikäfer zählen, ist mit 15 995 Arten vertreten. Nur die Zahl der Käfer insgesamt ist noch immer unbekannt. Es dürften zweieinhalb bis drei Millionen Tiere sein. Zehntausende Stunden Bestimmungsarbeit stecken in den Käfern. Nicht umsonst sprach letzte Woche ein beschwingtes Museumscommuniqué vom «stolzen Besitzer», der unser Kanton Basel-Stadt geworden sei. Letzte Woche hatte der Regierungsrat zugestimmt, dass er die Dauerleihgabe zu Eigentum übernimmt. Mehr als 30 Jahre nachdem das Ganze begonnen hat, sind die fast drei Millionen Münchner nun definitiv eingebaslert.

1986 hatte die Witwe des Sammlers, Barbara Frey, dem damaligen Kurator Michel Brancucci die Käfer zum Kauf angeboten (siehe Brief). Niemand wollte Geld für – wäh! – Käfer lockermachen. Erst als in der BaZ in einem zweiten Anlauf eine zufällig als Testseite für ein neues Farbverfahren gedachte Seite mit extra im Museum hergestellten Gold-, Prachts-, Blatt- und Rosenkäfern die volle Pracht der Sechsbeiner zeigte, kam Bewegung in die Sache.

Der «Verein Käfer für Basel» wurde gegründet, um Geld zu sammeln. Das Käferfieber stieg. Doch München stellte sich quer und beantragte, die Käfer als deutsches Kulturgut einzutragen und damit die Ausfuhr zu erschweren. Zum Glück. Denn Barbara Frey, erbost über die Schachzüge, vermachte dem Verein die Sammlung kurzerhand. An der Fasnacht 1988 wählten 40 Vereine Käfer zum Sujet – ein untrügliches lokales Mass für die Popularität eines Themas.

Zwar sollte es fast zehn Jahre dauern, bis bestätigt war, dass die Sammlung dem Verein gehört. Als deutsches Kulturgut. Um eine Ausfuhr der Käfer – sie waren inzwischen bereits ins Museum der gastfreundlichen Nachbarstadt Weil

gebracht worden – und entsprechende Zusagen vom deutschen Staat zu erleichtern, wurde vereinbart, dass der Verein Käfer für Basel das Erbe in eine Stiftung einbringt, die wiederum die Sammlung dem Museum als nicht mehr rückgängig zu machende Dauerleihgabe übergibt. Der Stiftungsrat, in dem deutscher Staat, Familie, Museum und der Verein vertreten waren, traf sich einmal pro Jahr, um den Fortschritt der Arbeiten zu besprechen. Doch schmolz das vom Verein eingeschossene Barkapital wie Schnee an der Märzensonne allein wegen der Gebühren für Aufsichts- und Publikationskosten. Im Frühling letzten Jahres wurde beschlossen, die mittellose Stiftung zu liquidieren. Im Einvernehmen mit deutscher Seite und der Familie Frey. Alle Auflagen waren erfüllt. Die Freyschen Käfer sind zusammen mit der «lebenden», weil wachsenden Museumssammlung im Spenglerpark in Münchenstein im gekühlten Exil. Dort warten sie auf die Rückkehr in das neue Museum, wo ihnen ein prominenter Platz versprochen ist.

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In jüngster Zeit sind auch die personellen Lücken in der Truppe der Insektenforschenden im Museum wieder geschlossen und ist neuer Schub zu spüren. Den nutzt auch der Verein Käfer für Basel, den ich – Transparenz muss sein – 2012 bis Anfang 2017 präsidierte. Er hat sich neu aufgestellt und will das Wissen um Käfer in der Bevölkerung mehren. Könnte ziemlich spannend werden.

Dieser Text erschien am 15. August 2018 als Hick-up in der Basler Zeitung.

Über den Verein Käfer für Basel und die Geschichte der Sammlung und ihrer umständlichen Reise nach Basel wird hier berichtet.

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