Besser Abnehmen dank Vorspiel beim Essen

Allgemein, Diät, Hick-up, Psychologie, Verhaltensforschung

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Wie wäre das wohl, wenn die Nachbarin am Tisch auf ihrem Teller alles Essen klein zu schneiden und dann die Stückchen einzeln so anzuordnen begänne, dass die linke und die rechte Seite des Tellers zur anderen symmetrisch gleich erschiene? Wäre sie endlich mit dem komplizierten Teilen und langwierigen Anordnen fertig, würde sie neu beginnen und mit der Gabel jedes Stückchen drei Mal drücken. Erst dann – alle andern haben da schon leer – würde sie mit Essen beginnen. Da fragt sich jeder, was mit der Lady nicht stimmt und was sie damit erreichen möchte.

Eine Erklärung wäre, dass die Dame nur etwas abnehmen will und dabei Francesca Ginos Rat befolgt, jedes Essen mit einem Ritual, also mit einer genau geregelten Handlung zu beginnen. Mit Ritualen und ihren verblüffenden Wirkungen kennt sich die 40-jährige Verhaltensforscherin Gino an der Harvard Business School aus, wie sie im „Scientific American“ verrät. Ihn suche ich hin und wieder auf, um ein Thema für diese Hickup-Kolumne zu finden. Das 1845 gegründete amerikanische Magazin – heute fest in deutscher Verlegerhand und in der Schwester „Spektrum der Wissenschaft“ zum Teil auf deutsch wiederholt – hat mich mein ganzes erwachsenes Leben begleitet und manches erklärt, was ich sonst nicht verstanden hätte. Manchmal kann man da gar aus erster Hand was fürs praktische Leben lernen.

Zum Beispiel, dass man eher Gewicht verliert, wenn man sein Essen eisern mit einem Ritual beginnt. Zum Beispiel jenem, das am Anfang geschildert ist. Bewiesen ist das vorerst nur für junge Frauen. Denn Francesca Gino hatte in einem Experiment gezeigt, dass Teilnehmende – in einem Uni-Fitnesszentrum rekrutierte Studentinnen, die schon abnehmen wollten – mit diesem dem Essen vorausgehenden Ritual weniger Kalorien assen als solche ohne in einer Kontrollgruppe. Und das, obwohl selbst die Erfolgreichen das Vorspiel mehrheitlich für zwecklos hielten und bald wieder aufgeben wollten. Was das Resultat gar etwas vertrauenswürdiger macht.

Das Ritual mit der Symmetrie auf dem Teller hatten Francesca Gino und Mitarbeitende erfunden. Sie wollten damit die plausible Vermutung prüfen, dass eine Person, die eine Willensanstrengung unternehmen und Versuchungen ausweichen will, das besser kann, wenn sie den Eindruck hat, sie habe eine starke Selbstkontrolle. Und diesen scheint das vorausgehende Ritual zu vermitteln.

Eine ganze Serie von Experimenten hat schon gezeigt, dass Rituale verschiedene positive Effekte haben können, sogar wenn sie selbst für den Anwender ziemlich merkwürdig und «magisch» sind. Sie werden in vielen originellen Formen dazu verwendet, Ängste vor öffentlichen Auftritten zu Vorträgen oder auf der Bühne und sportlichen Wettkämpfen zu dämpfen und das Selbstvertrauen zu stärken. Sei es durch immer gleich wiederholte, oft sogar ziemlich komplizierte Handlungen oder mit Glücksbringern und als Bannzauber gegen Unheil gedeuteten Gegenständen. Die Tennisspielerin Serena Williams soll grundsätzlich vor dem ersten Aufschlag den Ball fünfmal, vor dem zweiten nur genau zweimal auf dem Boden aufschlagen.

Baseballstar Michael Jordan hatte unter seinem Dress immer die alten Shorts aus den Anfängen an, manche Athleten es-

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Michael Jordan.

sen vor jedem Wettkampf immer das Gleiche, ziehen sich in bestimmter Reihenfolge an oder üben abgezählte magische Handlungen aus.

Das Interessante: Es nützt. Selbst einfache, eigentlich auf Aberglauben beruhende Gesten stärken offenbar die Zuversicht oder mindern Ängste, sogar bei stockrationalen Menschen. Warum es also nicht mal mit Symmetrie auf dem Teller versuchen? Muss ja nicht gerade Wurstsalat sein. Auf jeden Fall heisst es, anschliessend lange und gut kauen. Geht ja umso leichter, als die andern schon lange gegangen sind.

Dieser Text erschien am 4. September als Hick-up in der Basler Zeitung.

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