Heisse Spur im Klon der Räuberinnen

Allgemein, Ameisen, Biologie, Hick-up, Insekten, Verhaltensforschung, Zoologie

 

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Königin der Formica lugubris. Foto April Nobile und http://www.antweb.org

Im unüberschaubar weiten Reich der Ameisen gibt es manche Spielarten des sozialen Lebens. In der Regel vermuten wir unter einem braunen Hügel aus dürren Lärchennadeln und Harzstückchen an einem Wegrand im Engadin ein mitgliederstarkes Volk der Formica lugubris, der Starkbeborsteten Gebirgswaldameise. Mit Königin oder Königinnen und Scharen von fleissigen, aber unfruchtbaren Töchtern.

Das ist das gängige Bild vom Insektenstaat: Eine gut genährte, langlebige Königin übernimmt das Eierlegen, alle andern arbeiten in strenger Aufgabenteilung und während kurzem aufopferndem Leben dem Wohl des Ganzen zu. Männer gibt es nur, so lange man sie braucht, dann weg mit den Schmarotzern. Selbst wenn sie – wie bei der Waldameise – Zeit ihres kurzen Lebens schön beflügelt sind. Die Weibchen regieren, und das mit ansehnlichem Erfolg. Erfolgreich kann man aber auch ohne Königin sein, wenn alle Frauen im Staat gleich sind, und alle genetisch nahezu uniforme, aber fruchtbare Arbeitende sind – oder alle Königinnen. Wie bei der Ooceraea biroi, die bis vor gar nicht so langer Zeit Cerapachys biroi hiess, die Starkgepanzerte. Tatsächlich sind die Damen zwar nur zwei bis drei Millimeter gross, aber sie gehen in dicken Korsetts auf Raubzug. Denn die O. biroi, wie wir sie jetzt einfachheitshalber nennen wollen, sind Raider. Sie leben von andern in einer Lebensweise, die man Kleptobiose oder diebisches Zusammenleben nennen kann. Wobei von Zusammenleben nicht die Rede sein kann. Regelmässig schweift die Schar der sechsbeinigen Amazonen aus, um aus den Bauten anderer Ameisen deren eiweissreiche Brut abzuschleppen und als Proviant in ihre eigenen Kitas unter der Erde zu verbringen. O. biroi hat für das unterirdische Leben zwar kaum Augen entwickelt, dafür verfügt sie – so zeigen die Gene – über ein reichhaltiges Chemosensorium, das wohl auch auf die Spur saftiger Beute führt.

 

 

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Cerapachys oder Ooceraea biroi. Foto Erin Pado ud http://www.antweb.org

Bei diesen kleinen tropischen Ameisen geht alles ziemlich gleichzeitig zu. Verpuppt sich eine Brut, fahren synchron alle erwachsenen Mitglieder ihre Ovarien hoch. Nach vier Tagen beginnt das Eierlegen. Weitere zehn Tage schaut die Schar der Damen zu den Nachkommen und bleibt zu Hause. Kaum schlüpfen aber neue Ameisen, beginnt die Vorbereitung zum Überfall auf andere. Vierzehn Tage wird geräubert, dann beginnt mit der nächsten Verpuppung eine neue Legephase. Die gelegten Eier haben alle einen doppelten Chromosomensatz, aber es kommen durch Jungfernzeugung fast nur Weibchen zur Welt. Alle sind praktisch identisch: Jedes Volk ist ein Klon der Gleichen. Das hat den grossen Vorteil, dass eigentlich jedes Mitglied oder jede Gruppe aus dem Volk eine neue etwa 200-köpfige Kolonie gründen kann. Vielleicht haben sich die O. biroi in tropischen Gegenden deshalb weit verbreitet.
Nur einen Bocksfuss hat das Ganze. Die genetische Einfalt könnte auch mal das Ende des Siegeszugs der räuberischen Damen einläuten. Jedenfalls kann man am Klon der O. biroi einfacher prüfen, was die Fortpflanzung steuert und ausmacht, dass eine Ameise sich als «Königin» oder nur „Arbeiterin“ verhält. Daniel Kronauer an der Rockefeller University, auch mal als Postdoc beim Lausanner Ameisenforscher Laurent Keller, untersuchte mit Vakram Chandra und Ingrid Fetter-Pruneda bei verschiedenen Ameisen, welches Gen bei der Fortpflanzung am meisten in Betrieb ist. Dabei schob sich ein Gen, das bei Ameisen für Insulin steht, in den Vordergrund: ILP-2 (Insulin-like Peptide 2) spielt offenbar eine Rolle bei der Steuerung der Fruchtbarkeit. An der Ooceraea biroi liess sich das testen. Entfernte man Larven während der Brutpflege, stieg die Insulinproduktion und umgekehrt, wird in „Science“ berichtet. Ohne Insulin geht nichts. Wer viel davon produziert, ist in königlicher Funktion, ohne Insulin ist andere Arbeit angesagt. Fast etwas zu einfach. Aber eine interessante Spur.

Dieser Text ist als Hick-up in der Basler Zeitung vom 31. Juli 2018 erschienen.

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