Wenn die Flut kommt, heisst es schnell wachsen

Allgemein, Botanik, Ethnologie, Hick-up

Reis, Oryza sativa, das Gras mit feinen Körnern an eleganten Rispen, ist die Nahrungsgrund- und -beilage für Milliarden Menschen. Seit mehreren Jahrtausenden angebaut und gezüchtet, gibt es heute Reis in tausend Varianten. Sowohl was die Form des stärkehaltigen Korns betrifft als auch in Farbe und Geschmack. Reis ist aber auch erstaunlich vielfältig, was seine Anpassung an verschiedene Umweltbedingungen betrifft. Eigentlich auf dem Trockenen zu Hause, werden heute vier Fünftel des Reises im Nassanbau gewonnen. In tropischen Ländern mit starken Regenfällen ist diese Anbaumethode passend. Wird das Wasser geschickt gesteuert, bleibt das Unkraut aussen vor und hängen bei der Ernte bis zu 3000 Körner am Büschel einer Pflanze. Sieht auch für Touristen ganz schön aus. Was aber, wenn – wie eben in Thailand im Höhlendrama um zwölf von Wasser eingeschlossene Fussballbuben erlebt – plötzlich zu viel Nass vom Himmel stürzt, der Pegel steigt und die Reispflanze unter Wasser geht? Dann, so sagt Susan McCouch, hat sie zwei Möglichkeiten. Entweder sie hält für ein paar Tage den Atem an, bis die Wassermassen wieder sinken. Oder sie versucht, so schnell zu wachsen, dass nach ein paar Tagen wieder Blätter über Wasser sind und Nahrungsproduktion und Transport weiter stattfinden können. Tatsächlich gibt es in Bangladesch «Tiefwasser»-Reis, der das Kunststück beherrscht.
Susan McCouchVon ihm kann Susan McCouch (Bild) regelrecht schwärmen. Die Professorin für Pflanzenzucht an der Cornell University in Ithaka (USA) interessiert sich für die in den 12 Chromosomen genetisch festgeschriebenen Eigenschaften kultivierten und in Wildformen vorkommenden Reises. Wie Susan McCouch jetzt zusammen mit japanischen Kolleginnen und Kollegen in Science berichtet, schafft es der Tiefwasser-Reis, sein Wachstum zwischen zwei Halmknoten zu beschleunigen, sobald er unter Wasser gerät. Dass sie unterzugehen im Begriff ist, merkt die Pflanze, weil das von ihr ausgeschiedene Pflanzenhormon Ethylen unter Wasser nicht mehr verduftet und sich am Halm konzentriert. Ethylen befördert Reifungs- und Alterungsprozesse in Pflanzen und ist der Grund, warum in der Nähe von Äpfeln Bananen schneller braun werden. Am untergetauchten Reis löst es über eine Signalstafette die Herstellung von Gibberellinen aus. Das sind wachstumsfördernde Pflanzenhormone. Es beginnt ein Hin und Her der Kommunikation. Mit dem Effekt, dass die Pflanze sich streckt und rasch übers Wasser wächst. Dieses Talent, so fanden die Forschenden, hat schon die Vorgängerin und Wildreisart Oryza rufipogon in der Gegend von Bangladesch in ihren Genen.

Bildergebnis für deepwater riceDie Reisbauern verstanden sie offenbar zu nutzen. Interessant, dass in die Signalketten auch ein «Zwerg-Gen» involviert ist, das bei der Grünen Revolution eine wichtige Rolle spielte, weil es in anderen Varianten dazu verhalf, die Investition der Pflanzen in Halme zugunsten von mehr Körnern klein zu halten. In den existierenden Varianten von Reis, so schwärmt Susan McCouch, sind viele Talente enthalten, sich an besondere Bedingungen – Trockenheit, Salz und Überflutung – anzupassen. Die Scouts in Ithaka und anderswo sind hartnäckig daran, sie zu orten – und allenfalls zu nutzen. Schreib ich hier über Reis, tue ich das in Gedanken an Urs Ramseyer. Ihn, den Ethnologen und Indonesienkenner, interessierten die grossen Zusammenhänge und die Verwobenheit des Getreides mit den Menschen.

Die Herkunft und formende Rolle des Reises war eines der Themen, die ihn, der so vielen fruchtbaren Spuren folgte, beschäftigten. Darum hätte ich ihm diese Arbeit – wie alles, was ich über Reis antraf – weitergeschickt. So hatten wir es abgemacht.

2018-08-01 00_51_15-Urs RamseyerDoch Urs Ramseyer ist letzte Woche von uns gegangen. «Selamat jalan» schrieben seine Freunde in Bali: «Gute Reise» wünschen auch wir.

 

(Hier geht es zu Urs Ramseyers Blog.) Dort schreibt er, in Bali habe er den Nabel der Welt, in Basel den Fluss des Lebens und in der Musik die Stimme des Universums gefunden.

 

Dieser Text erschien am 10. Juli 2018 als Hick-up in der Basler Zeitung.

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