Sydebolle oder wo Männer auf Düfte horchen

Allgemein, Biologie, Botanik, Hick-up, Insekten

1280px-csiro_scienceimage_10746_an_adult_silkworm_mothSie wird gern als unscheinbar taxiert, dabei hat sie die Welt verändert. Weiss oder beige, die Flügel ausgebreitet nicht einmal vier Zentimeter breit, steht die Maulbeer- oder Seidenspinnerin als wirbelloses Nutztier in Diensten des modebewussten Menschen.

Bombyx mori (= Seidenwurm des Maulbeerbaums) ist ihr lateinischer Name, und natürlich gibt es auch Männchen. Um sich zu finden, horchen die Männer mit wunderschön aufgefächerten Antennen auf die Lockstoffe eines Weibchens. 400 winzige Eier legt ein Weibchen nach der Heirat und – stirbt. Seidenspinnerinnen sind drei Mal voluminöser als ihre auf feine Düfte reagierenden Liebhaber.

Bombyx mori ist den Menschen ans Herz gewachsen, weil das Tier im Laufe der vielen Etappen vom Ei über Raupe (den Seidenwurm) und die Puppe hin zum perfekten Schmetterling die nützliche Gewohnheit hat, sich in der heiklen letzten Phase voluminös kunstvoll zu schützen: Nach vier Häutungen beginnt die um das Mehrtausendfache gewachsene Raupe aus einer Drüse im Kopf feinste Seidenfäden aus Eiweiss zu spinnen und in losen Windungen um sich zu legen.

Lässt man die Seidenspinnerin machen, wird sie am Ende aus der im Kokon geschützt sich zum Schmetterling entwickelnden Puppe schlüpfen, sich ein Loch den Kokon lösen und dann in voller Pracht erscheinen. Um sich forzupflanzen – und gleich zu sterben.

Bis gut 900 bis 1000 Meter später ein weisser rundlicher Kokon rund um die Puppe steht – in Basel ein «Sydebolle». Genau den nimmt sich der Mensch, wickelt die feinen Fäden ab und spinnt sie neu. Die in den Kokons vermeintlich geschützt schlafenden Puppen kommen dabei um. Würde man sie nicht auskochen (und wahlweise nachher gar essen), würden sie aus ihrem chemischen Werkzeugkasten Eiweiss lösende Substanzen nutzen und sich damit ein genügend grosses Loch in die Freiheit schneiden. Wer endlosen Faden abspulen will, muss das verhindern.

Etwas mehr als einen Monat hat der Weg bis zur Ernte gedauert, und abgesehen von den vier Häutungsphasen macht die Raupe in dieser Zeit nichts anderes als fressen. Trotz allen Bemühungen über Jahrtausende hat sie dabei ihre ausschliessende Vorliebe für den Maulbeerbaum Morus nie verloren, vor allem für Morus alba, die weisse Variante, die auch weisse Beeren trägt.

Vor 5000 oder etwas mehr Jahren scheinen Menschen in China sich die Bombyx mori aus ihrer wilden Verwandten Bombyx mandarina zu züchten begonnen und die endlose Textilfaser für eigene Zwecke umgesponnen zu haben. Seide wurde zur kostbaren Handelsware und wurde auf jenen Wegen (mit vielen anderen Waren) transportiert, die man heute «Seidenstrasse» nennt und für die das moderne China ehrgeizige Entwicklungspläne hat.

Wen wundert da, dass man sich im Reich der Mitte besonders für Bombyx interessiert. Gestern veröffentlichte ein zwölfköpfiges Forschungsteam aus sechs chinesischen Institutionen um Wen Wang und Shuai Zhan in „Nature Ecology and Evolution“, was es zur Evolution des Seidenspinners auf seinem Weg nach Europa oder Südasien herausgefunden hat. 137 Seidenraupenstämme wurden genetisch aufgeschlüsselt und Verwandtschaften eruiert. Es zeigte sich, wie bereits früh Seidenbauer und -bäuerinnen sich die Schmetterlinge nach ihren Vorzügen ausgesucht haben müssen. Allein in China werden 1000 verschiedene Stämme aufbewahrt. Klar, dass sich da auch Wege abzeichnen, wo man was einbauen oder ausbauen könnte. Aber vieles ist noch rätselhaft. Auch was die Vorliebe für den Maulbeerbaum betrifft. Der ist bei uns selten geworden ist. Immerhin ist ein Exemplar an der die Seidenstrasse verlängernden Basler Bäumleingasse neu dazugekommen.

morus1

Bild Innerstadt-Blog: http://www.qv-innerstadt.ch

Von der weissen Sorte Morus alba . Nicht um den Bombycinen eine Freude zu bereiten, sondern weil sich schwarze Beeren auf Asphalt nicht gut machen, heisst es im Blog des Quartiervereins Innerstadt. Die Seidenstrasse heute noch bis zu den vom neu gestaltenden Fällbeil bedrohten Ginkgos auf dem Rümerlinsplatz weiterzugehen, verbieten wir uns.

GINKgo19JUNI18Auch Bombyx mori mag keine Ginkgos. Gehört halt mit andern zu den Echten Spinnern.

 

Dieser Text erschien als Hick-up in der Basler Zeitung vom 3. Juli 2018.

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