Von schwarzen Löchern überall

Astrophysik, Hick-up

Es vergeht keine Woche, dass ich nicht von Richard Tresch
Fienberg höre oder besser lese. Rick ist so was wie ein Bote des
Himmels, arbeitet er doch als «Press Officer» der American
Astronomical Society, einer Gesellschaft den Himmel
beobachtender, also weitblickender Menschen. Die 1899
gegründete Vereinigung hat sich auf die Fahnen geschrieben, sie
wolle der Gesellschaft und damit uns allen dabei helfen, das
merkwürdige Universum besser zu verstehen. Rick ist darum
dauernd unterwegs. Wo immer etwas im weiten All entdeckt,
vermessen und gedeutet wird, berichtet er es weiter.
Er macht also das, was man im Fussball einen Assist nennt. Er
legt andern den Ball vor und hilft, das Interesse für den bunten
Zoo von Himmelskörpern in der unvorstellbaren Weite unseres
Uni- oder gar Multiversums zu fördern. Das tut er schon so lange
und so tüchtig, dass man einen Asteroiden zwischen Mars und
Jupiter zu seinen Ehren «9983 Rickfienberg» getauft hat. So weit
bringen es nur wenige; Ehre, wem Ehre gebührt.
Dank Rick erfuhren wir auch eben, dass in der hin und wieder
von verwegenen Basler Velofahrern durchquerten ultratrockenen
Höhe der Atacama-Wüste Chiles der auf 5000 Metern über Meer
installierte Teleskopverbund Alma aufregende Signale
aufgefangen hat. Sie waren 13,28 Milliarden Lichtjahre unterwegs
gewesen, also ziemlich bald nach dem Big Bang auf Reise
gegangen. Und noch immer konnte man aus ihnen lesen, dass es
am Start Sauerstoff gegeben hatte. Das wiederum, so deuten es
die Beteiligten, sei ein Beleg dafür, wie nach dem grossen
Big-Bang-Anfang das Urdunkel früher als bisher vermutet von
Wasserstoffkerzen aufgehellt worden war und das begonnen
haben musste, was manche die kosmische Morgendämmerung
des Kosmos nennen. Wo sich Wasserstoff zusammenballte und
sich die ersten Sterne entzündeten. Erst dann konnte schwererer
Sauerstoff «gebrannt» werden, das heute häufigste Element auf
der Erde.
Und wie in den von Fienberg illuminierten Berichten oft vom
Werden die Rede sein kann, kann es ein nächstes Mal die
Entdeckung wahrer Monster sein. Astronomen der Australian
National University berichten – Rick spielte das eben zu – von der
Entdeckung eines wahren Ungetüms von schwarzem Loch, das
mindestens zwanzig Milliarden Sonnen verschluckt haben muss
und alle zwei Tage die Masse unserer Sonne gefüttert haben will.
Das sind immerhin 1,99 Quadrilliarden Tonnen oder 332 946
Erdmassen. Ziemlich viel Appetit hat das Ding, es ist das am
schnellsten wachsende schwarze Loch, das man bisher kennt.
Oder war? Denn, was da beobachtet wurde, liegt weit zurück.
Auch hier sind die Signale ganze zwölf Milliarden Jahre unterwegs
gewesen. Sie stammen also sozusagen aus der Jugend unseres
Universums.
Auf den Sonnenfresser wurde man aufmerksam, weil die Materie
auf dem Weg in den nimmersatten Schlund mächtig aufgeheizt
wird und die Gase um die Wette leuchten. Sässe, so wird
berichtet, das eben entdeckte Monstrum im Zentrum unserer
Milchstrasse, würde es zehn Mal heller als der Mond scheinen.
Nur wäre niemand auf der Erde, der das sehen könnte. Denn das
Monster – ein Quasar (QSO) mit dem Namen
SMSS-J215728.21-360215.1 (in der Mitte des Bildes)– würde so viel Röntgenstrahlen
aussenden, dass Leben völlig unmöglich wäre, sagt Christian
Wolf, der sich für das ziffernreich getaufte Objekt interessiert.
Auch in der Mitte der Milchstrasse sitzt ein «Sagittarius A*»
benanntes schwarzes Loch. Mit vier Millionen geschluckten
Sonnenmassen bescheiden im Vergleich.

image_6008e-ultra-luminous-quasar
Gerade eben – so erfahren wir dank Rick – wurde die Vermutung
erhärtet, dass für unseren Begriff unglaublich viele kleine
schwarze Löcher – 20 000 könnten es sein – sich um das grosse
tummeln. Im Umkreis von «nur» zwölf Lichtjahren. Spannend wie
immer, wenn deswegen auch keineswegs voll verstanden. Rick
hat noch viel zu tun.

Dieser Text ist als Hick-up in der Basler Zeitung vom 22. Mai 2018 erschienen.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.