Wenn Gletscher schmelzen, blühen die Klimagipfel

Allgemein
Volume 556 Issue 7700Ein Haufen übereinandergeschobener Schweizer Geröllbrocken ziert die Titelseite der gedruckten Ausgabe von „Nature“: Mitten auf grauen Steinen blüht eine kleine Insel von lila Alpen-Mannsschild, Androsace alpina, Felsenjasmin für Engländer. Das Bild stammt vom Gipfel des Oberengadiner Piz Lagalb im Val Bernina, 2959 Meter hoch, und illustriert indirekt: Auf Berggipfeln Europas von den Spitzbergen bis zu den Karpaten ist die Zahl der angetroffenen Pflanzenarten im Vergleich zu früher stark gewachsen. Zwischen 2007 und 2016 sei die Zunahme gar fünf Mal schneller als zwischen 1957 und 1966 gewesen, berichtet eine 53-köpfige Forschungsgruppe um Manuel Steinbauer von der Friedrich-Alexander-Universität in Erlangen und um die bergtüchtige Davoser Botanikerin Sonja Wipf am Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Nature

Dass ein Mannsschild auf die Arbeit hinweist, hat seinen guten Grund. Bereits 1835 hatte der Zürcher Botaniker und Pfarrersohn Oswald Heer mit seinem Führer Johann Madutz den Piz Linard im Unterengadin als Erster bestiegen.

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Der Zürcher Botaniker, Naturforscher und Theologe Oswald Heer (rechts) mit Peter Merian (Mitte) und Arnold von Escher, dem Bruder des Alfred. 

Dort traf der sowohl mit dem legendären Zürcher Alfred Escher als auch mit dem Basler Geologen Peter Merian befreundete Naturforscher laut seinen Feldnotizen auf dem Gipfel nur eine einzige Pflanze an: den Alpen-Mannsschild, wie er auch auf Piz Lagalb blüht.

Berggipfel haben den Vorteil, dass sie auch ohne GPS genau lokalisierbar sind. Jener des Piz Linard wurde im Schnitt alle zwanzig Jahre wieder von Pflanzenkundigen besucht und so zum am längsten und besten untersuchten Gipfel Europas. Auf ihm zeigt sich, was sich auf den letzten zehn Metern von 301 weiteren europäischen Bergspitzen feststellen lässt: Die Artenzahl nimmt überall zu. Auf dem Piz Linard in den letzten zwanzig Jahren besonders: Neben dem Mannsschild, den Oswald Heer 1835 als einzige Art gefunden hatte, blühen heute weitere 15 Arten auf dem Gipfel.

Der frühe Hang der Pflanzenkundigen, Berge zu besteigen, um aufzuschreiben, was da oben noch wächst, hat dem Datenbestand des Forschungsnetzwerks aus elf Nationen zahlreiche historische Daten beschert. Es wurden aber auch über 250 Gipfel neu bestiegen, in der Schweiz die meisten von einem Team um Sonja Wipf

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Sonja Wipf vom Schweizerischen Institut für Schnee und Lawinenforschung auf dem Piz Murter im Schweizer Nationalpark. Eben hat sie noch ein kleines Hungerblümchen Draba aizoides entdeckt. Foto Hans Lozza

und Christian Rixen vom SLF Davos. Jedes Mal wurde die Fläche der obersten zehn Meter des Berges abgesucht. Die konnte je nach Gipfelform – nur für die Schweiz gibt es solche Zahlen – von 391 bis zu 16 720 Quadrametern um das Vierzigfache variieren. Jeweils zwei Pflanzenkundige arbeiteten unabhängig voneinander und ohne früher aufgestellte Pflanzenlisten zu kennen. Die Daten differierten um bescheidene 14 Prozent.

Auf der Suche nach Gründen für den Artenzuwachs wurden mehrere Faktoren geprüft: Die Veränderungen der Sommertemperatur, Unterschiede in der Niederschlagsmenge und der Stickstoffeintrag aus der Luft. Ergebnis: Nur die Temperatur hatte einen signifikanten Einfluss auf die Artenzahl. Je stärker ihr Anstieg zwischen zwei Inventuren war, desto grösser auch die Artenzunahme, in jüngerer Zeit noch beschleunigt.

Die gipfelnahe Vegetation dient als rasch reagierender lebender Anzeiger des Klimawandels. Wenn uns schon die Gletscher schneller wegschmelzen, blühen wenigstens die Gipfel bunter. Doch ist zu befürchten, dass die hochgeschleppten Nachrückenden sich auf Kosten der jeder Kälte trotzenden Spezialisten breitmachen. Über kurz oder lang wären es dann am Ende nicht mehr, sondern weniger Arten geworden.

Wenigstens habe, wer auf Schotter zu wachsen weiss, gute Karten. Den Aufsteigern sei das zu wacklig. Auch das Mikroklima könne in der Höhe auf wenigen Metern so stark divergieren, dass alte und neue Arten trotz steigender Temperaturen vielleicht nebeneinander existieren und angetroffen werden könnten, sagen die Forschenden. Wie das Drama verläuft, wird sich auf der geschaffenen Basis gut verfolgen lassen. Immerhin hat Europa nun 302 Klimagipfel, auf denen es so schnell keine Ruhe geben wird.

Erschienen in der Basler Zeitung vom 17. April 2018

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