Bitte mein Selfie operieren

Allgemein
by Martin Hicklin

Man weiss eigentlich nicht so recht, warum wir Menschen unsere Nase so prominent vor uns her tragen. Gründe werden verschiedene genannt: Wir können so besser Luft filtrieren, sie liess sich hervorragend leichter putzen und biete vielleicht noch andere Überlebensvorteile. Gut möglich auch, dass sie ihre hervorragende Position einem Verdrängungsvorgang verdankt: Weil das Gehirn im Laufe der steilen Entwicklung zum Homo sapiens mehr Platz benötigte, musste die Nase vors Antlitz und in die Kälte treten. Heute benutzen manche Menschen ihr platzheischendes Gehirn dazu, sich Sorgen um das eigentlich bescheiden Hervorragende zu machen. Das beflügelte Luftkamin ragt bei Männern im Durchschnitt 21,1, bei Frauen 19,8 Millimeter aus dem Gesicht. (Die Zahlen stammen aus einer Vermessung von über 4000 Gesichtern – für den Bau passender Atemschutzmasken.)

Die Nasen-Sorgen sind mit den Wogen der Selbstdarstellung in der digitalen Gesellschaft dramatisch gewachsen. Denn viele Menschen, ob jung oder reiferen Alters, machen mit ihren Smartphones bei jeder Gelegenheit Fotos von sich selbst und teilen sie über soziale Medien mit Freundinnen, Freunden oder Bekannten. Facebook (mit derzeit zwei Milliarden aktiven Mitgliedern) heisst nicht umsonst so. „Selfie“ hat sich als Begriff für so ein Selbstporträt eingebürgert und ist laut den Oxford Dictionaries erstmals 2002 in Australien verwendet und 2013 gar zum Wort des Jahres erhoben geworden.

Selfies stärken angeblich das Selbstgefühl im Wettbewerb der Schönen und Schöngebliebenen, befriedigen narzisstische Bedürfnisse oder machen einfach Spass. Wie viel Zeit und Sorgfalt in die Autoritratti investiert werden, zeigt eine Umfrage der britischen OnePoll unter 2000 jungen Frauen zwischen 16 und 25 Jahren: Laut deren Angaben braucht es im Durchschnitt sieben Anläufe und 16 Minuten bis ein zufriedenstellendes Selfie versandbereit ist. Im Schnitt drei Mal im Tag. Belegt fünfeinhalb Stunden die Woche. Das war im April 2015. Seither sind viele Milliarden Selfies auf den Weg geschickt worden. Natürlich auch von Männern und Menschen reiferen Alters. Es dürften über oder gar mehrere 100 Millionen pro Tag sein.

Das hat weitreichende Folgen. Denn eines haben die meist nur aus Armlänge Entfernung gemachten Bilder gemeinsam. Sie bilden uns nicht so ab, wie wir aussehen. Das hat physikalische Gründe. Die vorstehende Nase wird grösser und breiter abgebildet als ihr Hintergrund. Die Dimensionen des Gesichts sind verzogen. Darauf haben Mediziner um den plastischen Chirurgen Boris Paskhover von der Rutgers New Jersey Medical School eben im Fachblatt „JAMA Facial Plastic Surgery“ hingewiesen. Sie rechneten aus, dass eine aus 36 Zentimeter Entfernung aufgenommene Nase um fast einen Drittel grösser erscheint als sie sollte. Erst aus eineinhalb Metern Distanz wird das Gesicht normal abgebildet.

Das gleiche Gesicht
Vor der Operation, nach der Operation? Nein – aus der Nähe (33 cm) und aus Distanz (150cm) aufgenommen. Bild aus Publikation

Die Rechnung der Gesichts-Plastiker hat aktuellen Grund. Immer mehr junge Leute gehen in den USA zum Schönheitschirurgen, weil sie mit ihrem Selfie nicht zufrieden sind. Mehr als die Hälfte der in der mächtigen Akademie der amerikanischen Gesichtschirurgen AAFPRS organisierten Mitglieder hatten 2017 Patientinnen und Patienten, die ihr Selfie verbessern wollten. Will heissen, das Original anpassen. Selfie-Wahrnehmung (Selfie Awareness) sei keine kurzlebige Mode, sagt Akademiepräsident William Truswell bedeutungsvoll. Eine Generation wachse heran, die ihren Alterungsprozess selbst kontrollieren wolle. Die Millennials würden sich hervorragend in allen Techniken auskennen und begännen schon unter dreissig mit kosmetischen Injektionen. Resultate würden heute ohne Scham wieder auf sozialen Medien geteilt, um für den „potenziell lebensverändernden“ Schritt Solidarität zu finden. Doch eines sei heute durchgehend vordringlichster Wunsch: Das Ergebnis muss völlig natürlich aussehen…

Dieser Text erschien als Hick-up in der Basler Zeitung vom 6. März 2018

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