Jeden Tag im Gedächtnis und der arme Tithonos

Allgemein

Letzte Woche war hier von jenen ärgerlichen Situationen die Rede, in denen einem länger ein Name oder Begriff nicht mehr einfallen will, und dass dies gerne als Zeichen des unvermeidlichen altersbedingten Abbaus interpretiert wird. In erfrischender Weise hatten der Sprachforscher Michael Ramscar und Mitautoren von der Universität Tübingen in «Topics of Cognitive Science» dagegengehalten, dass vielleicht ältere Gehirne mehr als junge gespeichert und nur darum länger hätten, das Richtige zu präsentieren. Ein «senior moment», wie im Englischen die altersbedingte längere Leitung genannt wird, könnte bei gesunden Älteren also auch positiv gedeutet werden.
Wie gross die Spanne der Gedächtnisleistungen unter Menschen sein kann, wird im neuen «Scientific American» vorgeführt. Dort berichten James McGaugh und Aurora LePort von der berühmten Jill Price, die sich 2000 an der University of California in Irvine gemeldet hatte, weil sie versucht, damit zurande zu kommen, dass sie seit ihrer Jugend von jedem Tag und jedem Datum sagen kann, was sie erlebt hat und was sonst noch geschah. Ein superautobiografisches Gedächtnis als Gabe oder Störung. Gedächtnishöchstleistungen sind seltener geworden.
Weil sie nicht mehr so sehr benötigt werden? McGaugh und LePort erinnern an die Zeiten, wo riesige dichterische Erzählungen in den Köpfen gespeichert und mündlich weitergegeben werden mussten. Tausende von Versen wären das zum Beispiel in Homers «Ilias» und «Odyssee».
Die Sänger mussten sich etwa erinnern, wie der elfte Gesang der Ilias beginnt, wo statt «Am Morgen» steht: «Aus des schönen Tithonos Lager erhob sich Eos, um den ewigen Göttern und sterblichen Menschen zu leuchten.» Die lockenumkränzte Göttin der Morgenröte sorgt dafür, dass es Tag wird. Sie, die nie ausschläft, muss den Geliebten verlassen und eilt mit ihrem mit den Pferden Glanz und Schimmer bespannten Wagen jenem des Sonnengottes und Bruders Helios voraus und streut, zumindest am griechischen Himmel, ihre Rosenblätter.
Die rosenfingrige und safrangewandete Göttin hatte sich in den Morgenstunden aber auch oft nach schönen Sterblichen umgesehen und sie glatt ent- oder verführt. Orion, den Jäger, zum Beispiel, der uns heute noch als Sternbild begegnet. Zur ewigen Begier nach jungen Männern hatte sie die Liebesgöttin Aphrodite verflucht, nachdem sie eines Morgens die Morgenröte statt am Horizont unter der Türe des Schlafzimmers ihres Geliebten Ares, des muskelgepanzerten Kriegsgottes, hatte hervorschimmern sehen.

met_eos-tithonos_det-figuresWie sich Eos (rechts) in Trojas Königssohn Tithonos verliebt, hofft sie Aphrodites Fluch zu heilen. Sie bittet Göttervater Zeus, den Geliebten unsterblich zu machen, vergisst aber dummerweise, auch ewige Jugend zu wünschen. Unfähig zu sterben, runzelte Tithonos bald in der Morgengöttin Palast vor sich hin, bis er «kein Glied am Körper mehr regen konnte» und so geschrumpfelt war, dass die Göttin ihn im Palast einschloss. Die Stimme sei allerdings keifend laut geblieben. Eos habe ihn drum in eine schrille Baumzikade (Tettix) verwandelt. So konnte er wenigstens ab und zu die Haut wechseln. Tithonos, der Geliebte der begehrenden und begehrenswerten Eos (die Aurora der Römer), versinnbildlicht die Angst der Männer vor dem «krümmenden Alter», dem «Erbleichen der Haare» und unvermeidlichen Verlust der Anziehungskraft. Ob sich die Göttin bald den Umarmungen des Erbleichenden entzogen oder ob sie, wie der römische Dichter Properz erzählt, rührend auch weiterhin das graue Haupt des Vergreisenden geküsst hat – wer weiss das schon?
Auffallend aber war in den letzten Tagen, dass hier bei uns jede Spur von Morgenröte ausgeblieben ist. Ich vermute, Eos war schwer darüber verstimmt, dass ich letzten Dienstag Tithonos falsch geschrieben hatte. Jetzt ist das hoffentlich mit dieser wortreichen Berichtigung wieder eingerenkt, und der Bedauernswerte hat bei Jung und Alt wieder seinen richtigen Namen und Platz.

Erschien als Hick-up in der BaZ vom 4. Februar 2014

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