Was der Weisheitszahn der Nixe Naia verriet

Allgemein

Sie muss etwa 16 Jahre alt gewesen sein und war möglicherweise schwanger, als ihr das Unglück zustiess. Von feinem Körperbau, kaum einen Meter sechzig gross, mit schmalem Gesicht und hohen Schläfen, war sie vielleicht auf dem Weg zum Wasser gewesen. Das gab es damals vielleicht nur tief unten in diesen Karsthöhlen. Das Mädchen wurde – so kann man etwa vermuten – von Unwohlsein befallen, ist gestürzt, hat sich dabei gar das Becken gebrochen und ihre Leiche muss in diesen birnenförmigen Höhlenschlund gerutscht sein, den man heute «Hoyo Negro» (Schwarzes Loch) nennt. Er liegt an der Küste im Südosten von Yucatán, jener mexikanischen Halbinsel, die – der Zufall will es – schon letzte Woche hier Thema gewesen war. Damals wegen der Chicxulub- Katastrophe zu Dinozeiten.

Lange hat die Wasserträgerin oder was von ihr übrig blieb in dieser Höhle gelegen. Bis 2007 der Taucher Alberto Nava ihr in diesem schwer zugänglichen, mit Wasser gefüllten Höhlenraum erstmals begegnete. Plötzlich sei der Schädel des Mädchens in den Kegel der Lampen geraten und habe ihm aus dunklen Augenhöhlen entgegengeblickt, erzählt Nava heute. Ein zwiespältiges Erlebnis, war die Expedition doch keineswegs ungefährlich. Bald einmal wurde klar, dass die Höhle lange zuvor schon anderen zur Falle geworden war. Aus den Fotos konnten Archäobiologen die schön geordneten Überreste von Riesenfaultieren, Höhlenbären, Tapiren identifizieren. Oder eines Smilodons, einer ausgestorbenen Säbelzahnkatze, die mit jener verwandt ist, die derzeit im Basler Naturhistorischen Museum die Besucher anfaucht.

Das nasse Grab ist inzwischen gut erforscht und das tote Mädchen hat auch seinen Namen. Man weiss jetzt: Mehr als 12 000, eher gegen 13 000 Jahre muss die junge «Naia» auf ihre Entdecker gewartet haben (griechisch Naia steht für Quellnymphe, Nixe oder Najade). Wann sie gelebt hatte, verrieten Reste im vieltausendjährigen Fledermauskot unter Wasser, Kalzitablagerungen auf den Knochen und andere Indizien. Die Nixe Naia, so zeigte sich, zählt zu den ältesten aufgefundenen Ureinwohnerinnen Amerikas.

Dass das Skelett komplett erhalten blieb, ist ein Glücksfall. Was man daraus liest, berichtete eine internationale Schar von Forschenden eben in Science, begleitet von einer Salve Medienmitteilungen. Das mexikanische Institut für Anthropologie war federführend und die National Geographic Society samt Magazin mit von der Partie. Das ganze Unternehmen war entsprechend: Profitaucher und -taucherinnen wurden auf ihrer Mission von aussen gesteuert, als wär es eine Weltraumexpedition. Fotos sollten genügen, nur wenig Material wurde mitgenommen. Alles müsse man so hinterlassen, wie man es angetroffen habe, schreibe der Codex der Höhlenforscher vor, heisst es im Bericht. Darum sei zuerst nur ein lockerer und vom Untergang bedrohter Schneidezahn mit allerdings beängstigender Karies und ein Stückchen des in schönem Schmelz erhaltenen Weisheitszahns als DNA-Quelle entfernt worden.

Aus den Spuren lasen der forensische Anthropologe James Chatters und andere. Die Proben verrieten, dass Naia mit jenen Einwanderern verwandt war, die aus Sibirien/Eurasien stammend über Beringia, die Bering-Landbrücke im Norden, gekommen und vor rund 17 000 Jahren den amerikanischen Kontinent erwandert hatten. Beringia war damals bewohnbare Steppe, in der noch Rentiere, Mammuts und Moschusochsen weideten.

Dass die nachweislich mit ihr ebenfalls verwandten, aber sesshaft gewordenen Indianer viel breitere Gesichter hatten als die 16-Jährige, gilt als Werk der Evolution. Der Fund liefert einen weiteren Beleg zur Klärung der Umstände, unter denen die ersten Menschen nach Amerika kamen. Aber die Tragödie der Nixe Naia mit all der wissenschaftlichen Detektivarbeit rundherum ist vom Stoff, der nicht nur Jugendliche vom Forschen träumen lässt.

Dieser Text ist am 20. Mai 2014 als Hick-up in der Basler Zeitung erschienen.

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