Das zeitlebens zukunftsvolle Weib im Jahrbuch

Allgemein

Ludwig Karl Rütimeyer

«Durchweg bleibt bei allen Menschenaffen das Weib dem zukunftsvollen Jugendzustand zeitlebens näher und ist insofern das conservativere Glied des Ehepaares: es bildet also wohl für die Erhaltung der Höhe der Gesellschaft eine sicherere Basis als der Mann, wenn Noth und Leidenschaft diesen erdrücken.» So schrieb – etwas gestelzt – 1868 der hochgeschätzte Naturforscher Ludwig Karl Rütimeyer, nach dem in Basel eine Strasse und ein Platz benannt sind. Neun Jahre nachdem Charles Darwin sein das Bild von der Schöpfung revolutionierende Buch von der Entstehung der Arten veröffentlicht hatte.

Als «neue Vorstellung von Menschwerdung» wertete fast hundert Jahre danach der Basler Zoologe Adolf Portmann Rütimeyers Bild von der an der Stelle des erschöpften Mannes die Gesellschaft bewahrenden zukunftsvoll jugendlichen Frau. Aus einem Beitrag Portmanns über die Frühzeit des Darwinismus bei Ludwig Rütimeyer stammt denn auch das Zitat. Der Emmentaler Rütimeyer war im Jahr 1855 von Peter Merian an die noch immer unter den Folgen der Kantonstrennung leidende Basler Universität berufen worden und hatte durch seine Arbeiten, etwa über die Geschichte des Rindes, Darwins Aufmerksamkeit und Wertschätzung erworben. Im Basler Stadtbuch 1965 steht Portmanns Essay und ist seit Kurzem wie viele Beiträge anderer auf dem von der Christoph Merian Stiftung eröffneten Portal digital abzurufen. Statt wie bisher in Büchern und Registern blättern zu müssen, kann man sich nun zu Hause per Volltextsuche die gewünschten gilbenden Seiten von Beiträgen aus den Stadt- und Jahrbüchern auf Computer oder Tablett holen. Interessanter Lesestoff auf jeden Fall. Nicht nur aus alten, auch aus neuen Zeiten.


Das Jahrbuch 2017 ist zurzeit schon am Wachsen, der Inhalt alter Jahrgänge uns völlig aufgeschlossen. Sucht man, wie ich das tat, nach Naturforschern, stösst man eben bald auf Rütimeyer und Merian, beide auch wichtige Figuren in der dieses Jahr 200 Jahre alt werdenden Naturforschenden Gesellschaft in Basel. Sie hatte erst zum Aufblühen der Naturwissenschaften in Basel und seiner Universität verholfen.
Der Geologe und spätere Ratsherr Merian gilt mit Andreas Heusler als Retter der Universität. Ihr hatten zeitweise nicht nur die Professoren, sondern auch die Studenten gefehlt. Merian und Rütimeyer, beide als Talente in Landpfarreien aufgewachsen, begründeten im wahren Sinne des Wortes mit ihren Bibliotheken und Sammlungen das Naturhistorische Museum, und hüteten sie als Kostbarkeiten in der Überzeugung, dass, solange Naturforschung nicht beendet sei, kommende Generationen forschend neue Fragen an die Zeugen der Vergangenheit stellen würden und darum auch das Sammeln kein Ende nehmen könne. (Merian soll Darwins Buch in der Bibliothek auf ein abgelegenes Regal zu den «Curiosa» gestellt haben.)
Bald begegnet uns beim digitalen Blättern Christian Friedrich Schönbein,

den der urteilssichere Peter Merian 1828 nach Basel geholt und (auf eigene Kosten) als seinen Stellvertreter angestellt hatte, und liest davon, wie er das Ozon «errochen» und mit der 1846 auf der Schützenmatte erprobten neu erfundenen Schiessbaumwolle die Grundlage für die Sprengstoffindustrie (und damit auch Alfred Nobels Vermögen) gelegt hat. Der erfinderische und in der Stadt beliebte Schwabe kriegt seinen Doktor und später auch das Bürgerrecht geschenkt, als Freiwilliger hatte er sich schon zuvor auf Seite Basels an den 33er-Wirren beteiligt. Merian und Schönbein hatten als Lehrer Pensen in den Klassen des Pädagogiums, dem späteren Humanistischen und heutigen Gymnasium am Münsterplatz. Dort war Friedrich Nietzsche 1869 als junger Lehrer und Professor sehr beliebt, auch wird beschrieben, dass er Rütimeyer hoch geschätzt habe. So liest man dies und das und vergisst beinahe, über den Verlust gedruckter Jahrbücher zu trauern.


Erschienen als Hick-up in der Basler Zeitung vom 9. Mai 2017

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