Magere Diät für einen Riesenkopffüssler

Allgemein

Mindestens acht Meter lang kann das Weibchen mit ausgestreckten Fangarmen werden. 75 Kilo brachte jedenfalls ein aufgefundenes weibliches Tier auf die Waage. Die Männchen sind dagegen eher schmächtig. Sexuelle Zweigestaltigkeit (Dimorphismus) nennt man das in der beschreibenden Wissenschaft. So gilt zumindest das Weibchen unter Kopffüsslern als eine Riesin: Haliphron atlanticushat man die Art wissenschaftlich getauft, womit so was wie atlantischer Meereskenner gemeint gewesen sein dürfte. Allerdings ruft man dem Männchen auch Septipus, weil er einen seiner acht Fangarme wie üblich zu einem Sexwerkzeug umgebaut hat, aber als arteigene Besonderheit in einem Extrasack unter dem rechten Auge mitführt. Bei der Befruchtung hängt er gleich den ganzen Arm ans Weibchen.
Je nach Umgebung kann ein Haliphron-­Oktopus die Farbe passend wechseln, und es ist zu ­vermuten, dass die Tiere einiges an praktischer Intelligenz besitzen, wie man das ja von Oktopussen in kleinerem Format gut kennt. Vielleicht wird deshalb ein Haliphron so selten gesehen und schafft er es, kaum als Beifang auf Fischkuttern aufzutauchen. Wahrscheinlich lebt er ganz einfach zu tief im Ozean, als dass ihm da ein Schleppnetz begegnen würde. Jedenfalls gibt es nur einige Exemplare oder Überreste. Sorgfältig in Alkohol konserviert, finden sie sich in Zoologischen oder Naturhistorischen Museen. Zum einen, um die Art der Meeresbewohner zu ­dokumentieren, andererseits, um auf kommende Fragen allenfalls Antworten geben zu können. Und Fragen gibt es: zum Beispiel die nach dem Menüplan eines solchen Tiefseebewohners.
Sie ist eben erst schärfer gefasst worden, weil es Henk-Jan T. Hoving vom Kieler Helmholtz-­Zentrum für Meeresforschung und Steven H.?D. Haddock vom Monterey Bay Aquarium Research Institute (MBARI) gelungen ist, mit ferngesteuerten Tauchgeräten des Instituts drei Haliphrons zu beobachten und zu filmen. Zwei in einem vor Monterey liegenden Meerescanyon und einen vor Hawaii. (Ein Video kann man auf BaZ-Online unter http://bit.ly/2puBbxa finden.)
Das Auffallende an einer in 378 Metern Tiefe gemachten Aufnahme ist, dass ein ziemlich ­fülliges Weibchen eine eigelbe Phacellophora camtschatica in seinen Armen hält, eine Qualle oder Meduse. Der Oktopus hatte die Glocke der Qualle in festem Saug-Griff und bereits mit ­scharfen Schnabel durchbohrt, liess aber deren Tentakel gegen aussen frei. Es sah so aus, als hätte der Haliphron Teile der Qualle und deren eigenen Fang verspeist und nutze nun den Rest des ­Nesseltiers für die Jagd nach weiterer Beute. ­ Ob das klappt, weiss man nicht.
Da es auch bei einer anderen Sichtung danach ausgesehen hatte, dass sich der Achtarmige an gelatinösen, gallertigen Meeresbewohnern gütlich getan hatte, sah es ganz so aus, als ob die Ries(inn)en sich ihre Körperfülle aus kalorienmässig ziemlich unergiebigen Quallen und ­gelatinösem Plankton aufbauen. So schön (und manchmal gefährlich) eine Meduse aussehen kann, besteht sie doch zu 98 Prozent aus Wasser. Magere Kost in jedem Fall. Da muss man einige Male zugreifen, um zuzunehmen.
Bei näherer Prüfung fanden sich auch bei den in Hamburgs Zoologischem Museum, Teil des Centrums für Naturkunde der Universität, auf­bewahrten fünf Exemplaren Tentakel von Staatsquallen oder Manteltieren, die manchmal als Schlupf für andere Tiere herhalten, wird in „Scientific Reports“ berichtet. Sieht also ganz danach aus, als ob die Kopffüssler, die es ja in Massen und ­vielen – auch kleinen – Arten in allen Meeren gibt, sich dazu opfern, diese gallertigen Meeresbewohner aufzuessen und – selbst oft zur Beute werdend – sie in der Nahrungskette weiterzureichen.
Etwa im bunt angerichteten Meeresfrüchte­salat, aus dem uns die gekochten Saugnäpfe, aber nicht mehr das weise Auge des Oktopus anblicken.

Am 18. April 2017 als Hick-up in der Basler Zeitung erschienen.

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