Mit klebriger Zunge schneller als ein Wimpernschlag

Allgemein, Biologie, Biomechanik, Glossen, Hick-up, Zoologie

Zuerst will ich hier im Interesse der Volksgesundheit berichten, dass zwei Mal im Tag Trauben (oder Traubenpulver) essen, für das alternde Gehirn segensreich sein soll. Auf die neue gute Botschaft aus dem Journal „Experimental Gerontology“ hat uns die Kalifornische Tafeltraubenkommission aufmerksam gemacht. Die versteht was von Trauben.

Rasch erzählt ist so was. Darum bleibt noch schön Platz für neue Beobachtungen aus der vielgestaltigen Natur. Etwa über die bemerkenswerten Fähigkeiten jener 4000 auf unserem Planeten beschriebenen Froscharten, die ihre Zunge rausschnellen lassen und an deren klebrigem Ende ein saftiges Insekt ins offene Maul zurückholen können. Wie dieses biomechanische Kunststück gelingt, dafür interessierte sich eine Forschungsgruppe um den Bio-Bewegungsforscher David L. Hu am Georgia Institute of Technology in Atlanta.

Nicht nur die schnelle Zunge interessierte, sondern auch und vor allem die Beschaffenheit des klebrigen Endes. Weil die Forschenden in Georgia tätig waren, nahmen sie sich einen Frosch vor, der in Atlantas Botanischem Garten vorkommt,

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Rana pipiens. ild wikipedia

den Leopardfrosch, wissenschaftlich Rana pipiens getauft, aus der Familie der Echten Frösche. Diesem Laborgast offerierten sie Grillen am Faden und filmten mit Hochleistungskameras, wie der nur ungefähr Leoparden ähnlich gefleckte Kerl sich mit der Zunge seine Beute holt. Und Hut ab: In nur gerade sieben Hundertstelsekunden, fünf mal kürzer als ein Wimpernschlag dauert, war es um die arme Grille geschehen. Die Messungen zeigten, dass die Zunge auf bis zu 120 Meter pro Sekunde also gut zwölffache Erdbeschleunigung beschleunigt wird. Was – wie wir sofort schliessen – ziemlich hohe Ansprüche an die Haltefähigkeiten des an der Grille klebenden Zungenteils stellt.
Im Laufe der Arbeiten kamen vergleichend zur Zunge des Leopardfroschs auch noch jene des Nordamerikanischen Ochsenfrosches

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Lithobates catebeianus. Bild Wikipedia

Lithobates catebeianus, der seinen Namen verdient, sowie des äusserst apart gezeichneten Schmuckhornfrosches Ceratophrys cranwelli.

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Website Pacmanfrogs.de – einen Besuch wert

Auch die behäbige Aga-Kröte Rhinella marina und der ziemlich kleine Indische Ochsenfrosch Kaloula, dem man verdienterweise ein schmückendes pulchra (die Reizende) verliehen hat, sowie ein Pfeiffrosch, eine Schaufelfusskröte und ein Makifrosch zeigten ihre Zungen.

Wie in dem für solche Themen zwischen Technik und Biologie eingerichteten „Journal of the Royal Society Interface“ nun als Ergebnis berichtet wird, sind die Froschzungen viel weicher als menschliche und wirken darum als Stossdämpfer, der den Zusammenprall von Zunge und Beute abfedert. Die Froschzunge, so schwärmt Doktorandin Alexis Noel mit ihren Kollegen und Chef David Hu, sei eines der weichsten bekannten Gewebe überhaupt und könne darum die getroffene Beute sofort umhüllen und zugleich den Schock aufnehmen. Der klebrige, von feinen Drüsen abgegebene Klebspeichel aber verhalte sich wie Farbe. Er verteile sich sofort fein flächig auf der Beute, behalte aber seine Klebfähigkeit. Das sei das Verhalten einer Nicht-Newtonschen Flüssigkeit, lernt man da, die ihre Viskosität oder Zähflüssigkeit je nach Scherkräften ändern kann. Eine solche Flüssigkeit ist auch Fröschen eher ferner Stehenden bekannt – in mehr oder weniger fliessender Gestalt von Knöpfli- oder Spätzleteig.

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Kaloula pulchra (Wikipedia)

Abgesehen davon, dass man bei uns den Respekt vor den viel- und ungestalten Lurchen noch einmal enorm hat wachsen lassen, will man in Atlanta natürlich was für die Praxis lernen. Denn die Klebfähigkeiten des Froschspeichels sind zum Beispiel viel raffinierter als jene der Klebe auf vom Roller gezogenen Bändern. Mal sehen wie weit Alexis Noel da noch kommt. Die Frösche, so schreibt sie mit Kollegen, hätten übrigens verschiedene Techniken, die schönen Fähigkeiten ihrer Zunge zu bewahren und sie vor dem Austrocken zu schützen. Die häufigste: Sie halten einfach das Maul.

Dieser Hick-up ist am 7. Februar 2017 erstmals in der Basler Zeitung erschienen.

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