Noch wenig Mensch im Schwein

Biologie, Hick-up, Life Sciences, Zoologie
Vorne sieht es aus wie ein Löwe, am Ende des Schwanzes beisst ein Schlangenkopf in das Horn einer Ziege, die wiederum dem Ungetüm aus der Seite wächst. In Bronze gegossen kann man ­dieses dreifache Mischwesen in Florenz als die etruskische Chimäre von Arezzo»
1920px-chimera_d27arezzo2c_fi2c_04 besichtigen. Nur der feurige Drachenhauch fehlt dem im Archäologischen Museum ausgestellten Tier, weil sich der Anteil des vierten Tiers in der Chimäre in Bronze so schlecht darstellen lässt. Feuer mit ­feurigem Hauch bewachen war die Aufgabe des Ungeheuers im alten Lykien, und Meeresgott Poseidon musste seinem Sohn und Helden ­Bellerophon eine eigene Luftwaffe in Gestalt des fliegenden Pferdes Pegasus tridrachm_corinth_308-306_obverse_cdm_paris stellen, damit dieser dem Mischtier beikommen konnte. Kein Kunststück für den gern als Pferdebändiger gerühmten Poseidon; auch der Sohn trug nicht umsonst den Beinamen Hipponoos, was so was wie Pferde­versteher heisst.
Das von Bellerophon erlegte Sagentier
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Dieses Bild von Bellerophon in Aktion stammt aus dem Bestiaria Latina Blog, der auch so und ohne Stammzellen einen Besuch und lesenswert ist.

 

der alten Griechen (für die Chimaira das Wort für Ziege war) soll zusammen mit der Sphinx ein Geschwister des mehrköpfigen Höllenhunds Kerberos gewesen sein, aus dessen Geiferspritzer der giftige Eisenhut gewachsen sein soll. Das auch mit der vielköpfigen Hydra verschwisterte Tier hat laut Sage dafür gesorgt, dass keine Toten aus der Unterwelt nach oben und keine Lebenden nach unten gelangten. Kerberos ist auch frühes Beispiel dafür, dass man auch als Ungeheuer von Musik gerührt werden kann. Der Geifernde liess sich vom Gesang des Orpheus besänftigen, als dieser seine geliebte Eurydice aus der Unterwelt holen wollte.

Hier ein Bild, wie man sich das als Vasenmaler so vorgestellt hat:

Diese alten Geschichten um die etwas spezielle Familie von Chimäre, Kerberos, Hydra & Co. wurden letzte Woche wieder wach, denn da berichtete im Fachjournal Cell
eine Forschungsgruppe vom erfolgreichen Versuch, eine Chimäreaus Schwein und Mensch zu schaffen. Ein Vorhaben, welches das edle Ziel verfolgt, mit der Zeit den Mangel an von Menschen gespendeten Organen zu beheben. Der Erfolg wurde denn auch gleich zum Meilenstein erklärt.
Aber es stellen sich natürlich auch unangenehme Fragen. «Wächst hier ein Schweine-Mensch?», fragte sich die Bildund war damit nicht allein. Die Forschungsgruppe um ­­­­ Juan Carlos Izpisua Belmonte und Jun Wu am Salk Institut für Biologische Studien im kalifornischen La Jolla hatte in einem ersten Schritte menschliche Stammzellen in heranwachsende Schweine-­Embryonen eingebracht
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Bild Juan Carlos Izpisua Belmonte

und insgesamt 2000 Mischlinge oder Hybriden geschaffen, die dann in Schweine-Leihmütter eingepflanzt wurden. 150 der Mischembryonen wuchsen zu Schwein-Mensch-Chimären an, bei denen allerdings fast alles das Schwein und nur ganz wenig der Mensch – im Verhältnis 1 zu 10’000 – ­beigetragen hatte. Nur ein Drittel eines (Schweine-)­Trimesters von 28 Tagen liess man die Chimären wachsen, dann war Schluss.
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Bild Juan Wu

Das sei genug Zeit, um feststellen zu können, wie sich die Zellen ­verteilten. Hätte zum Beispiel das Gehirn der Mischwesen menschliche Anteile, würde das Ganze ziemlich heikel. Dass die ausgewachsene Kombination allerdings menschliche Züge ­annehmen würde, bleibt wohl ausgeschlossen.
Die biologischen Hürden schaffen noch Zeit für Nachdenken. Die Schwangerschaft beim Schwein dauert 112 Tage, beim Menschen neun Monate. Werden die zugefügten Zellen nicht zum richtigen Zeitpunkt eingeschleust, ist der Zug abgefahren. Auch so ist die Erfolgsrate gering. Eventuell gelingt es, ethisch unerwünschte ­Entwicklungen durch genetische Eingriffe zu ­blockieren. Etwa dass menschliche Zellen im Gehirn zum Zug kämen. Umgekehrt könnte die Organentwicklung mehr in Richtung Mensch gesteuert werden. Sieht so aus, als seien da noch einige Meilensteine zu setzen, und niemand weiss, ob der letzte nicht am Ende einer Sackgasse steht. Schon jetzt aber scheinen die Mensch-Schwein- Chimären etwas Feuer zu spucken.

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