Das beliebteste Girl hat am wenigsten Läuse

Allgemein, Hick-up, Verhaltensforschung, Zoologie

Video: Julie Duboscq

Heute, wo die hiesige alte Welt gespannt einen notgedrungen krummen Blick auf die jenseits des Atlantiks mitdrehende Neue Welt wirft, wollen wir hier kurz für etwas Entspannung sorgen. Sie haben sich sicher auch schon gefragt, ob es nicht besser wäre, sich von anderen Menschen fernzuhalten, um gesund zu bleiben. Die handlungs­begleitende Vermutung oder Hypothese: Je näher man andern kommt, desto wahrscheinlicher ­versucht ein blinder parasitierender Passagier einen Klassenwechsel und wählt, ob mikro­skopisch klein oder sechsbeinig gross, uns als sein neues Paradies. Bei der Grippe ist das ziemlich gut belegt. Stehst du einer hustenden Person fern, atmest du auch nicht deren Husten- und ­Nieströpfchen ein. Das müsste entsprechend erst recht für Milben und Läuse, sozial übertragbare Ektoparasiten im Jargon der Wissenschaft, gelten. Sei es die Filz- oder Schamlaus (Phthirus pubis), die von der Nähe profitiert (allerdings auch ein Hotelhandtuch als Shuttle benutzen kann). Sie hat es heute in zumindest untenherum ­unhaarigen Zeiten ziemlich schwer. Noch immer floriert dagegen der zur gleichen Ordnung ­zählende Pediculus humanus capitis – «das menschliche Füsschen des Kopfes» – als Kopflaus bekannt. Sie fühlt sich auf behaarten Häuptern am wohlsten, ob gewaschen oder nicht. Am gefährdetsten da, wer besonders beliebt ist. Wenn alle deine Nähe suchen und mit dir den Kopf zusammenstecken, wirst du das eher mit ­Ektoparasitenbefall bezahlen, so die Vermutung.
Es ist nun der Strassburger Forscherin Julie Duboscq, ihrer Kollegin Valeria Romano und dem Kollegen Cédric Sueur zu verdanken, dass wir hier etwas klarer sehen. Die drei haben mit Andrew MacIntosh am Primatenzentrum von Kyoto an japanischen Makaken untersucht, ob tatsächlich und wie weit bevorzugte Stellung und Hang zur Geselligkeit mit Läuseplage bezahlt werden muss.
Die Makaken pflegen ja den schönen Brauch der Allo-Body-Care. Sie durchsuchen den Pelz ­anderer (daher das «allo») nach Läusen und deren Eiern und machen aus den Funden zwischen ihren Zähnen Mus. Sehr geschickt gehen die Affen da vor. Doch wer wettet, dass bei der Fürsorge nicht manche Laus heimlich den Wirt wechselt? In einer immerhin
14-seitigen Arbeit in „Scientific Reports“ wurde das Resultat von ganzen 142 Beobachtungstagen veröffentlicht: Das Fell der beliebtesten Weibchen, der «Popular Girls», wird so gern und effizient gepflegt, dass sie am ­wenigsten Läuse haben. Im Mittelpunkt stehen, die «Zentralität», hält Läuse in Schach.
Der Bericht war bereits im März veröffentlicht worden, doch die Universität von Kyoto ist so stolz auf das Resultat, dass sie dafür zahlt, um die gute Nachricht noch immer auf einschlägigen News-Portalen zu halten.
Hier wird sie nur zitiert, weil – ganz neu – in „Current Biology“ berichtet wird, dass es manchen Bonobos (den Schimpansen und uns nahestehend) beim Läuse-Lesen so geht wie vielen beim Lesen eines Hick-ups wie ­diesem hier. Sie müssen eine Lesebrille aufsetzen. Müssten, sollte es natürlich heissen. Denn Bonobos haben keine Brillen. Schon weil sie nicht lesen. Höchstens Läuse aus dem Fell ihrer ­Liebsten. Doch je älter manche werden, desto ­weiter müssen sie die Arme strecken, beobachteten Heungjin Ryu und Kollegen – wiederum vom Primatenforschungsinstitut Kyoto – an wildlebenden Bonobos in Wamba (Republik Kongo).

1-bonobos

Bild: Heungjin Ryu

Ernste Nebenfolge der offensichtlich zunehmenden Altersweitsichtigkeit: Alternde Bonobos werden als Läusesammler wegen ihrer geschmälerten ­Effizienz eher gemieden. Die Zentralität leidet.
Die Autoren folgern, dass Altersweitsichtigkeit schon unsere Vorfahren geplagt haben muss und nichts mit moderner Lebensweise, Lesen auf Papier und Bildschirm zu tun habe. Oder kann man sich auch beim Läuse-Lesen die Augen ­verderben?

Als Hick-up in der Basler Zeitung vom 8. November 2016 erschienen.

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