Die wundersame Rettung eines Basler Algen-Albums

Allgemein, Botanik, Herbarien, Hick-up, Sammlungen, Universität Basel

 

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Potentilla palustris. Bernd Haynold /Wikimedia.

Wieder einmal ist sie in der Post gelegen, zwischen Möbelkatalog und Rechnungen. Die „Bauhinia“, wissenschaftliche Zeitschrift der Basler Botanischen Gesellschaft, unerwartet und gerade darum eine schöne Überraschung. Mit einem tiefroten Sumpf-Blutauge, einer Potentilla palustris auf dem Titel, dem Mitglied einer, wie wir lernen, bedrohten Wasserpflanzengemeinschaft in bedrängten Mooren des Zürcher Oberlands.

Die „Bauhinia“ ist nach Caspar Bauhin benannt. 1560 in Basel geboren und 1624 „ebenda“ gestorben, zählte er zu den begnadeten Naturforschern seiner Zeit. Er hat als Stadtarzt und Rektor gewirkt, gab Griechisch, Botanik sowie Anatomie an der Universität. Wir alle tragen am Übergang von Dünndarm zum Dickdarm eine „Bauhin-Klappe“ mit uns, die er als Erster beschrieben hatte.

Bauhin hat aber auch eine Sammlung von Pflanzenbelegen hinterlassen, darunter einen der ersten der importierten Kartoffel Solanum tuberosum L.. Das für seine Zeit wegweisende Herbar hat Frass und wohlgemeinte Säuberungen überstanden und zählt noch immer 2500 Belege. Es ist ein Kleinod unter den universitären Sammlungen, deren Zahl hoch, aber wohl noch immer nicht vollständig bekannt ist.

Von der Rettung eines viel kleineren Kleinods erzählt in der jüngsten „Bauhinia“ Rosmarie Honegger. Die in Basel ausgebildete Botanikerin und emeritierte Zürcher Professorin berichtet von einem denkwürdigen Samstag im fernen 1973, an dem vor dem t3Botanischen Institut der Universität an der Schönbeinstrasse sechs Abfallwannen aufgestellt waren. Es galt, an einem Morgen den Estrich des Instituts zu „entrümpeln“. So schleppten die Institutsangehörigen fröhlich Sack um Sack aus dem Haus. Nur der Zufall wollte es, erzählt Honegger, dass eine Kollegin sie auf ein in einem gefüllten Sack steckendes hübsches Algen-Herbar aufmerksam machte, weil sie wusste, dass sie sich für Algen interessierte. Bei der späteren Inspektion zeigte sich, dass da eine „kulturgeschichtliche Kostbarkeit“ gerettet worden war. Das Album war 1851 von einer Eliza M. French in Connecticut angelegt worden. Die als „flowers of the wild sea“ auch in einem Gedicht von French besungenen Algen waren fachgerecht montiert in einem mit Prägungen verzierten Album versammelt.

Honegger hat inzwischen auch den Weg erforscht, den das erbauende Werk hinter sich hatte, bevor sie es nun in die Hände der hoffentlich von Räumungen verschonten Basler Universitätsbibliothek gelegt hat. Letzter Besitzer war laut eigenhändigem Bleistifteintrag Wilhelm Vischer gewesen,

ab 1928 Botanikprofessor am Institut. Er habe das Album von „Fräulein Jenny Burckhardt aus dem Nachlass von deren Vetter Karl VonderMuehll-Burckhardt“ erhalten. In ihrem illustrierten Bericht zeichnet Rosmarie Honegger nach, wie das schöne Album über eine nach Basel heiratende New Yorker Bankierstochter zu den Iselins und VonderMuehlls schliesslich zu Botaniker Vischer weitergereicht worden sein könnte. Der war selbst international anerkannter Algenspezialist gewesen. Nach ihm ist die Algen-Gattung Vischeria (im Bild eine Vischeria helvetica)

benannt. Er dürfte das Herbar seinem an Algen interessierten Chef Gustav Senn gezeigt oder gar geschenkt haben. Jedenfalls fand Rosmarie Honegger im Kehrichtsack auch Bleistiftzeichnungen und Notizen Senns.

Die Räumung sollte damals Platz für das Herbar des 1973 verstorbenen Botanikers Paul Aellen schaffen. Bereits ein Jahr später fand es allerdings Eingang in das Paradies für solche Dinge, das Conservatoire Botanique in Genf. An die Schönbeinstrasse kamen derweil die Herbarien der Basler Botanischen Gesellschaft, des Instituts, und das berühmte von Jany Renz zusammengetragene Orchideenherbarium samt Bibliothek unter.

Gerade eben sind diese Räume erneut und hoffentlich mit mehr Umsicht geräumt worden. Denn das Institut wird umgebaut. Die Herbarien sind vorerst ins schöne Baselland ins Lager gezogen, wo sie nun auf eine bessere Zukunft oder auf das Paradies warten.

 

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