Süsse Partnerschaft Vogel-Mensch

Allgemein, Hick-up, Ornithologie, Zoologie


Bereits 1588 war dem portugiesischen Missionar João dos Santos dieser Vogel aufgefallen. Er komme durch Ritzen in der Wand des Gotteshauses in die Kirche, um an den Wachskerzen zu knab­bern, berichtete der Geistliche, der in der damaligen Hafenstadt Sofala im heutigen ­Moçambique neben der Heidenbekehrung offenbar noch Zeit für allerlei Beobachtungen hatte. Der Vogel, so berichtete der Pater in den 1609 in seinem Kloster von Évora erschienenen Erinnerungen «Ethiopia Oriental», Ethiopiahelfe Einheimischen beim Auffinden von Bienennestern, indem er laut rufend von Baum zu Baum fliege. Einmal angekommen würden die Männer den Honig ernten, der Vogel aber tue sich am Wachs der Waben ­gütlich. Der Verächter süsser Bienenbeute ist der seither ausführlich beschriebene Grosse Honi­g­anzeiger, wissenschaftlich nennt man ihn ­Indicator indicator, was doppelt auf das Zeigen verweist. Braun und etwa zwanzig Zentimeter lang, zählt der hellbäuchig Gefiederte zur Ordnung der Spechtvögel.

Dass der Honiganzeiger Wachs über alles liebt und verdauen kann, den Honig aber verschmäht, kommt dem, was man ein mutualistisches Verhältnis zwischen Mensch und Tier nennen darf, sehr zugute. Mutualist(inn)en sind wir alle, wenn wir zum Beispiel mit jemandem zusammenleben und von ihm oder ihr nur so profitieren, dass auch er oder sie von der Gegenseitigkeit was hat. Manchmal reicht nur das Gefühl.

Was den Indicator betrifft, so ist die Ornithologin Claire Spottiswoode von der in Sachen Vogelforschung berühmten Universität Cambridge zusammen mit dem Ehepaar Keith und Colleen Begg von der Niassa National Reserve in Moçambique dem Vogel mit Honigsuchern aus dem Volk der Yao nachgegangen. Wie die drei in Science berichten, verständigen sich die Honigjäger im Niassa-Nationalpark, aber auch im Norden Moçambiques und angrenzenden Süden von Tansania mit den pfiffigen Vögeln über einen ganz bestimmten Laut, der mit einem schwirrenden Brrr beginnt und in ein tiefes Hmm übergeht. Die Menschen zeigen damit an, dass sie auf Honigsuche sind. Ist ein Anzeiger in der Nähe und hat Lust auf Beute, beginnt er auffällig in eine Richtung und zurück zu fliegen. Wie aus dem zeitlichen Abstand zwischen Blitz und Donner man auf die Distanz zum Gewitter schliessen kann, lässt sich aus der Dauer der Abwesenheit des Vogels die Entfernung zum süssen (oder wächsernen) Schatz bemessen. Den Laut, so erzählen die Männer, hätten sie von ihren Vätern gelernt. Wie das Spottiswoode-Trio zeigen kann, ist es nur dieser Laut, der die Honig­anzeiger gezielt arbeiten lässt. Nur er steigert den Erfolg der Honig-Bienensuche auf das Doppelte pro Expedition (von 33 auf 66 Prozent). Andere, ähnliche wirken nicht. Am Ort angekommen, räuchern die Männer die Bienen aus, leeren die Baumhöhlen und tun damit, was der Vogel allein nicht schafft. Er findet in den am Boden zurück- gelassenen oft mit Larven und Wachsmotten bestückten Waben sein Festmahl.

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Im untersuchten Gebiet wird das Brrr-hm-­Signal eindeutig als Aufforderung verstanden, zeigten die Forschenden. So wie ein Hirten- oder Jagdhund auf einen bestimmten Befehl reagiert. Nur dass die Vögel das ohne Dressur kapieren. Woher aber weiss das der Vogel? Da die Honig­anzeiger wie die Jungen des Kuckucks in fremden Nestern als Piraten aufwachsen und von zwangs- adoptierten Vogeleltern gefüttert werden, dürfte die Fähigkeit, Honignester zu finden und Helfer zu mobilisieren, angeboren sein. Was den richtigen Laut betrifft, so kompliziert die Sache, dass Einheimische in Kenia einen Pfiff benutzen, um die Honigdetektive zur Kooperation einzuladen. Wahrscheinlich, so vermuten die Forschenden, lernen junge Honiganzeiger von alten in der Nähe von Honignestern, wie man sich des Menschen nach lokaler Tradition als Helfer bedient. Aber das ist nur eine Vermutung. Gewiss scheint nur, dass einmal mehr Vögel schlauer sind, als man denkt.

Erschienen als Hick-up in der Basler Zeitung vom 26. Juli 2016
Alle Fotos sind von Claire Spottiswoode zur Verfügung gestellt.

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