Zuckerhandel in der Unterwelt des Waldes

Botanisches, Hick-up

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Enttäuscht war er schon ein wenig, Freitagabend im „Löwenzorn“, am Rande der Generalversammlung der Basler Botanischen Gesellschaft. Eigentlich eher verblüfft. Über die Tatsache nämlich, dass die populären Medien von seinem eben im Topjournal „Science“ veröffentlichten Paper erst vereinzelt Kenntnis genommen hatten. Dabei hat der emeritierte aber keineswegs zur Ruhe gesetzte Basler Botanikprofessor Christian Körner mit dem israelischen Botaniker Tamir Klein am Botanischen Institut der Universität Basel und Rolf Siegwolf vom Paul Scherrer Institut in Würenlingen gerade ein grelles Schlaglicht auf bisher geheim gebliebenen Handel im Untergrund des Waldes geworfen. Es könnte fundamental ändern, was wir unter „Wald“ verstehen sollten: Nicht als lose Zufallsgruppierung von stämmigen Individuen (wie man als Laie vielleicht denkt), sondern als vernetzte Gemeinschaft vieler, die untereinander einen regen Austausch von kostbarem Kapital pflegen, dem Zucker. Er wird mit Hilfe des Sonnenlichts und in einem Prozess, den man Photosynthese nennt, aus „Luft“ (sprich Kohlendioxid) produziert. Vorausgesetzt, es ist alles, was es sonst noch braucht, da. Die Freigebigkeit ist auf den ersten Blick ziemlich überraschend. Da wird oben in den Blättern bis zum letzten Lichtstrahl hart gearbeitet, und unten verschenkt der Baum das teuer Erarbeitete gleich zentnerweise über seine Wurzeln.

Nun muss man natürlich daran erinnern, dass das Baumwurzelgeäst nicht einfach so im Boden steckt, um Wasser zu holen. Die Wurzeln müssen auch allerlei Mineralien und vor allem Stickstoff beschaffen, damit da oben alles mit rechten Dingen zugehen kann. Fehlen diese Sachen, nützt auch die ganze Kunst der Photosynthese nichts.

Schon länger und nicht zuletzt mit bedeutender Hilfe von Basler Botanikern und Planzenphysiologen – Frauen und Männern – hat man herausgefunden, dass nichts ohne heimliche Helfer geht. Es sind die weitherum im Boden mit den Würzelchen verflochtenen „Wurzelpilze“ (Mykorrhizae), die dafür sorgen, dass die grossen Bäume zu ihrem Stoff kommen. Bei diesem Deal zahlen die Bäume mit Zucker.

Doch Tamir Klein, Rolf Siegwolf und Christian Körner wollten es genauer wissen, wie dieser unterirdische Stofffluss läuft und wer da von wem profitiert. Dazu hatten sie diese wunderbare Forschungsstation im Wald oberhalb von Hofstetten, 550 Meter über Meer bei 47 Grad 33 Nord und 7 Grad 33 Ost. Mit dem gelben Baukran konnte man sich dort zu Ästen und Wipfeln von 120 Jahre alten 40 Meter hohen Fichten und Buchen des Mischwalds erheben und endlich studieren, was eigentlich abgeht. So wurden unter anderem über mehrere Jahre Bäume mit Kohlendioxid „gefüttert“ und begast, das Kohlenstoff-13 als Markierung enthielt. So konnte man messen, wo am Ende dieser Kohlenstoff landet. Es zeigte sich im nach allen Seiten abgesicherten Experiment, dass das C13 nicht nur in die Pilzgeflechte – auch von Fliegenpilzen –

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Wurzelspitzen einer Amanita-Pilzsart mit Ektomykhorrizae. Wikipedia

sondern in die Nachbarbäume wandert. Dass es also einen „Zuckerhandel“ unter Bäumen gibt. Für Christian Körner, der ein Leben lang Stoffflüsse in Pflanzen erforscht hat und als Experte für Pflanzenwachstum an der Waldgrenze berühmt ist, beweist der Hofstetter Befund mindestens: „Ein Wald ist mehr als die Summe seiner Bäume.“

Bei den Basler Botanikerinnen und Botanikern hatte er, gerade von einer Exkursion mit Studierenden aus Griechenland zurück, von Soldanella pusilla, dem Kleinen Alpen­glöckchen, erzählt.

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Die Zwerg-Soldanelle oder Kleines Alpenglöckchen. Soldanella pusilla

Er erforscht eben, wie die violette Soldanelle es schafft, gegen das Dogma, dass unter 5 Grad nichts mehr läuft, schon bei Null Grad ihre Glöckchen durch die Schneedecke zu stecken. Doch das ist eine andere Geschichte. Christian Körner wurde für sein Talent des Forschens und Vermittelns mit der Ehrenmitgliedschaft des Vereins belohnt. Man kann nicht sagen, dass er das nicht verdient hätte.

 

Am 19. April 2016 erstmals in der Basler Zeitung als Hick-up erschienen

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