Zurück aus Afrika unter Buchen nach Frauen pfeifen

Glossen, Hick-up, Ornithologie, Sex

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Bild  Vogelwarte Sempach/Toni Muukkonen

Noch ist er unterwegs und wird erst hier eintreffen, wenn der Frühling mit seinem hellen Grün die Wiesen und Wälder überzieht. Mitte April sucht sich der Ankömmling bei uns ein Stück Buchenwald als vorübergehende Heimat aus, unter dichtem Kronendach, mit gut anfliegbaren Querästen und wenig buschigem Unterholz. Bald wird er hin und her fliegen, auf dem Weg zum nächsten Ast zuerst eine paar zip zip zips von sich geben und – angekommen auf dem nächsten in ein zipzipzipsirrrrr... ausbrechen: „Schwirren“ nennen die Vogelkundigen diese zweite Strophe, und in jedem Vogel-Buch sind die Silben ein wenig anders angegeben. Das Original tönt lieblich.

Wer da grün gefiedert und mit gewölbtem gelbem Bauch singt, ist niemand anders als der Waldlaubsänger – Phylloscopus sibilatrix. Phylloscopus bedeutet Blattspäher, in sibilatrix steckt lateinisch sibilare für zischen, wie es ins Wasser getauchte glühende Eisen tun. Sibilare kann laut meinem alten Lateinwörterbuch auch nach Mädchen pfeifen heissen. Genau das macht der Vogelmann auf seinen schwirrligen Balzflügen.

Kaum zu glauben, dass dieser grüne Federball, den Italienerinnen ein „Lui verde“, den weiten Weg aus Afrika hierher macht, um ein paar Monate an einem Hang im Schatten von Buchen zu verbringen. Im Paar mit einem Weibchen, das sein Schwirren erhört, dann aber doch nicht immer ganz an seiner Seite bleibt. Im kuglig gebauten Nest am Boden schlüpft aus einem der fünf bis sechs Eier meist auch mal ein Vögelchen, das seine Existenz einem Seitensprung verdankt.

Vom Verrat der Vogeldamen weiss ich, weil der Waldlaubsänger letzte Woche schon in Basel war. Nicht in vollen Federn aber als Forschungsgegenstand. Im ersten einer neuen Serie vierzehn­täglicher Mittwochsvorträge vor der altehrwürdigen, bald 200jährigen und doch immer über Aktuelles debattierenden Naturforschenden Gesellschaft in Basel (NgiB).  Da erzählte vergangenen Mittwoch Gilberto Pasinelli davon, was man bei den im hellen Grün der Buchen so gut versteckten Vögelchen in der Schweiz beobachtet hat, wo es gern wohnt, wer ihm seine Eier raubt und wie das Männchen sich zwar das Herz aus dem Leibe schwirren mag, das Weibchen zum Wohl der Art aber gern mal zu den eigenen Genen jene eines zweiten Mannes paart. Gilberto Pasinelli forscht an der Vogelwarte Sempach, und das Waldlaubsängerprojekt ist eines von mehreren, in denen einer möglicherweise bedrohten Art nachgespürt wird, um abzuschätzen, wie man ihr beistehen könnte. Durch etwas andere Waldwirtschaft zum Beispiel.

25 Studierende und Forschende sind seit 2010 den sibilierenden Laubspähern gefolgt, haben Nester mit Fotofallen und Kameras überwacht, das Nahrungsangebot geprüft und nachgeforscht, wie die Zahl der Räuber, das Angebot an Buchen-Nüsschen und solche Dinge einen Einfluss auf Wohnwahl und Bruterfolg haben. So zeigte sich, dass zwar die Hälfte all der kugelig gebauten Boden-Nester bestohlen werden, dass es aber selten Mäuse sind, die sich da gütlich tun. Eher sind es die Marder, oft die Eichelhäher, Käuze und Dachse aber auch mal ein Waschbär oder Igel, die von der Kamera als Diebe entlarvt wurden, erzählt Gilberto Pasinelli im Vesalianum.

Auch davon, dass der Klimawandel den Auftritt der als Babynahrung begehrten Raupen nach vorne verschieben kann. Ihr Auftreten wird anhand in grossen Trichtern milligrammweise aufgefangenen Kots verfolgt. Immerhin: Den eventuell zu spät ankommenden Vögeln scheint der „Mismatch“ nichts auszumachen.

Vom Klimawandel wird bei der NgiB auch am übernächsten Mittwoch (23. März/20.15) öffentlich die Rede sein. Michael Zemp von der Uni Zürich wird vom Anstieg der Meeresspiegel und der Rolle der Gletscher berichten. Wär doch mal Versuch und Besuch wert. Von der Spalenvorstadt ins Vesalgässchen biegen und schon ist man dort.

Als Hick-up in der Basler Zeitung vom 15. März 2016 publiziert

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