Und wenn wir den Ruf verpasst hätten?

Allgemein

„Dime“ nennen die Amerikaner ihre 10-Cent-Münze. Sie ist etwa so gross wie unser Zehner. 17,91 Millimeter Durchmesser hat sie genau. Eine solch Münze klemme man zwischen Daumen und Zeigfinger und halte sie mit gestrecktem Arm von sich weg, schlägt Lawrence M. Krauss vor. So könnten wir uns den Sternen-Reichtum des Universums besser vorstellen. Hätten wir nämlich an Stelle der Münze ein Löchlein dieser Grösse zwischen den Fingern und liessen eines der grossen Teleskope in Chile oder Hawaii hindurch spähen, dann würde es – sagt Krauss – in der Ferne Hunderttausende von Galaxien so gross wie unsere Milchstrasse erblicken. Und die hat doch selbst schon 300 bis 400 Milliarden Sterne.

img_0323Lawrence M. Krauss (61) ist Professor an der School of Earth and Space Exploration und des Physikdepartements an der „Arizona State“ und Direktor ihres „Origins Project“. Er beschäftigt sich, man ahnt es, mit jenem fulminanten Start, den unser Universum so vor 13 und etwas Milliarden Jahren scheinbar aus dem Nirgendwo hingelegt hat und zu dessen späten Folgen wir gehören. Krauss hat ein Buch mit dem sympathischen Titel „Nehmen wir an, die Kuh ist eine Kugel…“ geschrieben. Oder berühmter „Ein Universum aus Nichts – und warum da trotzdem etwas ist“ und behandelt darin auch Fragen nach „dunkler Materie“. Ihren irreführenden Namen hat sie davon, dass man sie nicht sieht. Von ihr wissen wir vor allem, dass es sie gibt. Ziemlich viel davon. Das eingängige Bild mit dem Zehner und den ungezählten Galaxien, die man durchs winzige Guckloch sehen würde, hat Krauss in der Besprechung eines Buchs der Kollegin Lisa Randall in „The New York Review of Books“ über „Dunkle Materie und die Dinosaurier“ erwähnt.

Krauss war es auch gewesen, der in Sachen Gravitationswellen per Twitter für etwas medialen Betrieb gesorgt hatte. Schon im September hatte er von „Gerüchten“ berichtet, man habe die Wellen gemessen. Im Januar legte er noch einmal nach. Kurz darauf wurde das Geheimnis offiziell gelüftet.

Doch noch immer gibt es da draussen eine Menge anderer Geheimnisse. Eines davon ist, warum wir noch immer nichts von einer anderen Zivilisation gehört haben. Bei Milliarden von Galaxien mit Abermilliarden Sternen samt Planeten müsste doch längst auch irgendwo anders die Bewohnerschaft, wie auch immer sie aussehen mag, ihren Zehner zwischen die Finger geklemmt haben. Könnte allerdings auch schon vor 10 000 oder 100 000 Jahren gewesen sein.

Jetzt sitzen wir wieder auf dem Horchposten. Doch wohin horchen an diesem Firmament? Die Astrophysiker René Heller und Ralph Pudritz, der eine in Göttingen, der andere an der McMaster University in Kanada, wissen Rat. Sie schlagen in „Astrobiology“ vor, sich besonders auf einen kleinen Schnitz des Himmels zu konzentrieren. Jene Gegend des Alls nämlich, von der aus man überhaupt die Erde vor der Sonne „im Transit“ beobachten und aus der minimen Veränderung der Lichtintensität etwas über unseren Planeten lernen kann. Die fernen Wesen würden sicher wie wir mit dieser Technik nachforschen und sehen, dass die Erde so schön bewohnbar und interessant ist.

Neue irdene Anläufe, ins All zu lauschen, sind am Start. Eine Million naher Sterne will die vom kalifornisch-russischen Unternehmer Juri Borissowitsch Milner und Frau Julia gestützte „Breakthrough Listen Initiative“ abhorchen. Und eigens neu eine Frage konzipieren, mit der die Menschheit mit dem berühmten Physiker Enrico Fermi „Wo seid Ihr alle?“ ins All rufen kann. Ob sich die Initiative an den Rat von Heller und Pudritz hält, wird man sehen. Vielleicht ist es auch gut, wenn es vorerst noch so aussieht, als seien wir nicht da, wenn es klingelt. Besser man räumt die Erde noch hier und da etwas auf, dass sie auch einigermassen gute Figur macht, falls sie uns besuchen kommen.

Als Hick-up am 1. März 2016 in der Basler Zeitung erschienen.

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