Vom Mitgefühl gelbbäuchiger Wühlmäuse was lernen

Allgemein, Hick-up, Zoologie

 

tn_micochrogasterEr ist so was von putzig, der Microtus ochrogaster, auch als Präriewühlmaus bekannt. Das hellgelbbäuchige (ochrogaster) Kleinohr (Microtus) lebt in Nordamerika und erinnert mich mit seinen Knopfaugen an meinen Syrischen Goldhamster Hans, den ich in meiner frühen Jugend aus einem Massenlager frei gekauft und dem ich mit Hintergedanken grosszügig Asyl gegeben hatte: Er sollte mich reich machen. Denn Hans, der seine Backen wunderbar mit Erdnüssen samt Schale aufblähen konnte, hatte nicht nur Bücher so zum Fressen gern, dass er in einer Nacht ein ganzes Regal durcharbeiten konnte; ihm wurden auch Wundertaten in Sachen Fortpflanzung nachgesagt, was mich früh zum Rechnen mit Potenz verführte (von Fibonacci und seinen Kaninchen hatte ich noch nichts gehört). Eine Anleitung zur Hamsterzucht hatte ich mir mit meinem Sackgeld erstanden und eigentlich war alles klar zu Paarung und Start-up. Doch mein erster Business-Plan hatte einen kleinen Mangel.

goldhamster_terrarium1Ich hatte vergessen, den Markt und meine Absatzchancen zu studieren und realisierte gerade noch früh genug, dass man in den Teppichetagen mancher kinderreicher Haushalte den goldigen Hamster gerade wegen seines Bücherhungers schlecht redete und ersatzweise das quietschende Meerschweinchen in alle Himmel lobte. Nach dieser Lektion in ökonomischer Frühbiologie oder so hatte ich noch etwas auf Zeiten des Reichtums zu warten.

Doch kehren wir nach dieser Ausschweifung schnell wieder zu unserer Wühlmaus zurück. Auch sie kann pro Jahr bis zu 28 Nachkommen haben. Zum Liebling der Verhaltenswissenschaft ist sie aber geworden, weil sie das in lebenslanger Paarbindung schafft. Am Modell Microtus ochrogaster kann man darum untersuchen, was dieses Verhältnis so fest und haltbar macht. Wobei die Wühlenden beider Geschlechter bei günstiger Gelegenheit auch mal seitenspringen, sie also nur als Modell für Paarbindung, nicht aber für sexuelle Treue dienen können. Doch bleiben sie ein Leben lang zusammen und verzichten als Überlebende meist darauf, sich neu zu binden. Als Paar pflegen sie das, was man fachlich „philopatrische Kooperation“ nennt, sie bleiben in der gleichen Heimat und ziehen ihre Kinder gemeinsam auf.

Von der Wühlmaus hofft man also, forschend was für den Menschen zu lernen. Schon 2005 hiess es in einer Publikation in unübertrefflichem Jargon, damit es zur dauerhaften Bindung kommen könne, müsse der Schaltkreis, der auf soziale Merkmale reagiere und ein zweiter, der „soziales Gedächtnis“ aufbaue, von den „somatosensorischen Informationen, die von den Geschlechtsteilen während der sexuellen Interaktionen aufsteigen“ moduliert werden. Kurzum: Eine Präriewühlmaus muss sich ein Leben lang daran erinnern, wie lustvoll es beim ersten Mal war. Und kann das auch.

Dazu muss man aber erst mal eingerichtet sein. Wieder spielt Oxytocin eine zentrale Rolle. Ohne den Stoff, der es als „Liebeshormon“ auch in die buntere Presse geschafft hat, sozusagen keine Zuneigung. Bereits länger weiss man, dass die Wühlmäuse bei schönen Gelegenheiten besonders viele Rezeptoren für Oxytocin bilden können und darum über viele Hebel verfügen, an denen das Liebeshormon schalten und walten kann. Ohne sie wär die Liebesmüh vergeblich.

Letzte Woche wurde in „Science“ gezeigt, dass Oxytocin zudem bei einem Verhalten im Spiel ist, das als Vorzug des Menschen gilt: Auch Präriewühlmäuse zeigen Empathie, trösten gestresste Mitglieder und beruhigen sie. Blockiert man aber die Schaltstellen für das Liebeshormon, schauen die Mäuse nur noch für sich selbst, berichtet eine Gruppe von der Emory Universität in Atlanta. Mit im Boot der berühmte Primatenforscher Frans de Waal, ein holländischer Jörg Hess sozusagen.

Wir nehmen mit: Vielleicht wäre es gut, in unseren hässlichen Zeiten zu den paar Oxytocin-Schaltstellen, die man samt Zubehör noch hat, besondere Sorge zu tragen.

In der Basler Zeitung vom 26. Januar 2016 als Hick-up erschienen

Quelle: Burkett, J., Andari, E., Johnson, Z., Curry, D., de Waal, F., & Young, L. (2016). Oxytocin-dependent consolation behavior in rodents Science, 351 (6271), 375-378 DOI: 10.1126/science.aac4785

Und hier noch eine andere Art, mit der Botschaft umzugehen.

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