Lob süsser Bestechung – wie man Pflanzen frisiert

Allgemein, Botanisches, Hick-up

illustration_betula_pendula0Früh hat er im Namen, früh ist der Frühling diesmal auch da. Bereits geht hie und da eine Blüte auf und gelb hängen die Birken ihre Kätzchen in den Wind. Bald wird man Scharen von Hummeln, Bienen und all die nützlichen Einzelkämpferinnen sehen, die etwa aus den von lieben Menschen hingestellten Bienenhotels ausgecheckt sind, um sich in eine neue Fortpflanzungsrunde zu stürzen. Wie hoch ist uns doch in jungen Jahren auf Spaziergängen durch liebliche Basellandschaften der Fleiss der Bienen (mit guten Gründen auch Arbeiterinnen genannt) als Beispiel gepriesen und dabei gleich auch noch das Befruchten in schönster und gewaltlos zarter Weise nahegebracht worden. Als Geben und Nehmen an der Blüte, wie es nicht besser eingerichtet sein könnte: Die bunten Blüten nicken einladend und bieten wohlduftenden Nektar in Kelches Grund. Dafür bringen Biene und Hummel vom Besuch anderer Blüten und deren Staubblättern Pollen mit, die nun beim Saugen ganz nebenbei auf die Narbe des Stempels der Blüte geraten und uns zu Gefallen zu schwarzer Kirsche oder rotem Apfel weiterreifen. (Die schwankende Birke dagegen pfeift auf Insekten und setzt auf den Wind.) Da loben wir doch wieder einmal die erfinderische Natur und in ihr die Blütenpflanzen, deren Vorfahren sich über Millionen Jahre Evolution ein Schrittchen hierhin, ein Schrittchen dorthin bewegt haben müssen, um als Clou schliesslich den Grossteil des Fortpflanzungsgeschäfts mithilfe bestechlicher Kupplerinnen zu besorgen. Dazu erfanden die Pflanzen den Trick mit dem Nektar als Bonus, weil es auch in der Natur nichts umsonst gibt. Die Bestäuberinnen hielten in ihrer Entwicklung offenbar gern Schritt. Um ihren süssen Kupplerlohn bereitstellen zu können, spezialisierten die Pflanzen ihr Transportsystem für Zucker und liessen neu einen Zucker­Transporter mit dem Namen «Sweet9» Nektarien oder «Honigdrüsen» in den Blüten füllen. Das hat am Sonntag ein deutsch­amerikanisches Forschungsteam am Max­Planck­Institut in Jena und an Instituten in Stanford und Duluth in «Nature online» berichtet. Man mag sich gar nicht vorstellen, wie trost­ und brotlos die Welt für uns aussähe, wäre der süsse Weg der Bestechung mit Nr. 9 nicht gefunden worden. Vielleicht gäbe es uns gar nicht. Wer aber meint, der Gipfel der Effizienz sei unter Pflanzen erreicht, muss sich wieder mal aus Cambridge bei Boston eines Besseren belehren lassen. Jedenfalls will dort ein Team um den Nanobioingenieur Michael Strano am Massachusetts Institute of Technology gezeigt haben, dass Pflanzen sich noch mächtig aufrüsten liessen. Mit einwändigen Nanokohlenstoffröhrchen zum Beispiel. Bild: Bryce Vickmark/MIT

a1newsimage_strano-giraldo4Die wurden in die kleinen grünen Kügelchen oder Organellen eingeführt, die als «Chloroplasten» in den Blättern die Herstellung von Zucker aus Kohlensäure und Wasser besorgen. Es gelang angeblich problemlos, die winzigen Röhrchen restlos in aus Spinatblättern gewonnene Chloroplasten einzuschleusen, wird in «Nature Materials» berichtet. Die Nanos hätten auch in lebendem Tabak für dreissig Prozent mehr Leistung in Sachen Fotosynthese gesorgt. Die Röhrchen könne man auch so präparieren, dass sie ins Fluoreszieren kommen, wenn Gase wie Stickoxide präsent sind. Pflanzen könnten sozusagen erröten, wenn (wie kürzlich in Peking) die Luft zu dick wird. Pflanzen­-Nanobionik nennen die Amerikaner ihr Tun und begleiten es mit starken Worten. Wie das Ganze im Detail laufen soll, ist halt noch nicht geklärt, aber das soll noch kommen. «Pflanzen bieten eine attraktive Technologie-Plattform», lässt sich Michael Strano zitieren. «Sie reparieren sich selbst, überleben unter harten Bedingungen und haben ihre eigene Energiequelle und Wasserversorgung. Das Potenzial ist grenzenlos…» Wer solches hört und nicht errötet, dem fehlen die richtigen Röhrchen.

Als Hick-up in der „Basler Zeitung“ vom 18. März 2014 erschienen

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