Von der Wohltat der Pause gegen geistige Ermüdung

Allgemein

Wer hätte das nicht schon erlebt? Ganz früher zum Beispiel, als Schule – anders als heute – noch langweilig sein konnte. Da sassest Du auf deiner Bank oder dem gerade als für junge Rücken orthopädisch geeignet befundenen Stuhl und die Zeit machte sich daran, still zu stehen. Vor allem am Nachmittag, am Blinddarm eines langen Vormittags. Nicht einmal das Schiffe Versenken machte mehr Spass. Selbst für das Ausdenken einfachster strategischer Listen war keine Energie mehr da war. Das Leiden heisst heute cognitive Ermüdung. Sie befällt möglicherweise auch Lehrer. Umso schlimmer, dass die Pädagogen in ihrer Verzweiflung ab und zu versuchten, dich in diesen verlorenen Stunden mit einer Prüfung aus den Abgründen zu rufen und an den Ernst des wachen Lebens zurückzuerinnern.

Die Erinnerung ist eine trügerische Freundin. Vielleicht war es nur oft, aber nicht immer so. Doch dass es ein Unsinn sein dürfte, nach einem langen Tag einen Schüler oder eine Schülerin noch zu prüfen, wird von einer umfangreichen Studie gestützt, die Hans Henrik Sieverten vom Kopenhager Zentrum für Sozialforschung. Francesca Gino von der Harvard University und Marco Piovesan von der Universität Kopenhagen eben in den Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS) in den USA publizieren. Umfangreich ist die Studie wahrlich, was das ausgewertete Datenmaterial betrifft. Es sind zwei Millionen Testresultate der nationalen Prüfungen Dänemarks, die in den Schuljahren 2009/2010 bis 2012/2013 landesweit durchgeführt wurden. Daran waren 2105 Schulen und 570 376 Schülerinnen und Schüler im Alter von acht bis fünfzehn Jahren beteiligt. Die Abfragen, so wird erklärt, dienen dazu, den Fachlehrern zu zeigen, wo sie mit einem Schüler noch speziell arbeiten müssten, die Eltern erhalten nur eine einfache Information. Es gibt jedenfalls, so schreiben die Autoren, keinen Grund, die Leistung der Geprüften nach oben zu manipulieren. Die Resultate geben ein Abbild der momentanen Leistung der Schüler.
Die Tests werden zwar landesweit durchgeführt, aber wann am Tag wird von der Schule und den Lehrpersonen festgelegt. So kamen die Unterschiede zustande, die erst die Forschungsfrage erlaubten. Zu Hilfe kam, dass für die Prüfungen Computer benutzt werden. Weil die aber je nach Schule und Stundenplan nicht immer frei verfügbar sind, konnte der Test am Morgen oder Nachmittag angesetzt sein.

Doch das hat Auswirkungen und mündet in unterschiedliche Resultate. Die Analyse zeigte, dass die Ergebnisse jede Stunde, die der Test später am Tag beginnt, um einen wenn auch kleinen festen Satz schlechter ausfallen. Lesen ist dabei weniger stark als zum Beispiel Mathematik betroffen, ältere Kinder scheinen empfindlicher als jüngere zu sein.

Anderseits verbessern Pausen von 20 bis 30 Minuten die Menge abrufbarer Leistung bei einem nachfolgenden Test deutlich. Der belebende und leistungsfördernde Effekt von Pausen sei auch im Arbeitsleben nachgewiesen, sagen die Forscher. Die Schulen hatten meistens um 10 Uhr morgens und um 12 Uhr längere Pausen, und änderten diese Praxis auch an Testtagen nicht. Besonders jene Schülerinnen und Schüler profitierten von Pausen, die an den Prüfungen eher Mühe bekundeten.

Kognitive Ermüdung, die auf Aufmerksamkeit und Gedächtnis schlägt, ist – so belegt die Studie – ein messbarer äusserer Einfluss und muss, wenn man Resultate vergleichen will, berücksichtigt werden. Die Autoren wollen zwar nicht gleich fordern, dass Prüfungen am besten um neun Uhr morgens stattfinden sollten, und sehen ihre Ergebnisse auch nicht dazu geeignet, die Forderung nach einem auf die innere Uhr der Jugendlichen besser abgestimmten späteren Schulbeginn zu stützen. Doch wer die Länge von Schultagen plane, müsse das Problem mit der kognitiven Ermüdung berücksichtigen und genügend lange Pausen einplanen. Woran es natürlich nur in Dänemark hapert.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.