Basels Jahrtausendchance – einfaches Schluchzen genügt

Allgemein

Erschienen in der Baz vom 1. Dezember 1999

Warum Basel eine Chance verpassen könnte, wenn es auf den «Urschrey»
verzichtet, und warum gerade die heftige Kritik am Vorhaben beweist,
dass es durchgeführt werden muss.

In Basel und den umliegenden Landschaften wogt der Streit, ob auf dem
Marktplatz der Stadt am Silvester 1999 erstmals ein Ritual durchgeführt
werden darf, das nach einem durch genaue Notation regulierten Vorlauf in
eine kollektiv erzeugte akustische Klimax, den «Urschrey», münden und in
diesem Höhepunkt enden soll. Dieses Vorhaben wird heftig bekämpft. Wir
vermuten, dass sich hinter dem Projekt ein unbewusster und verdrängter
Wunsch nach Befreiung von angestautem Basler Frust und von dem Gefühl
des Alleingelassenseins verbirgt.

Von Micha Trinklin

Die Fachwelt weiss aus langer Erfahrung, dass sich Unbewusstes in
unerwarteten, scheinbar paradoxen Formen freie Bahn schaffen kann.
Verdrängtes durchbricht ab und zu die Schutzbarrieren, die
intrapsychisch das Individuum vor Schaden und Asozialität bewahren
sollen. Dabei geht die Psyche oft höchst erfinderisch vor, um die
eigentliche Absicht hinter Normalem zu tarnen.

Dies ist mit hoher Wahrscheinlichkeit auch beim Basler Projekt
«Urschrey» der Fall. Die Initianten wollen ihre Idee eines
Jahreswechselanlasses zwar als typisch baslerisch verstanden wissen und
schreiben für die Zeremonie die Nutzung der Basler Ritualinstrumente
Trommel und Piccolo vor. Dennoch ist für den Fachmann klar, dass hier
unbewusst für einen in Jahrhunderten gewachsenen Leidensdruck eine
kollektive Abfuhr gesucht wird, nach der das Neue Fühlen erst wieder
möglich wird.

Gerade dass dieses Vorhaben so heftig bekämpft und mit scheinbar
objektiven, auch den in Basel besonders hoch geachteten
fasnachtsgeschichtlichen Argumenten bekämpft wird, ist ein schlagender
Beweis dafür, dass hier tiefenpsychologische Mechanismen im Spiel sind.
Die mit grossem emotionalem Einsatz begründete Ablehnung kann man nur
als kollektive Abwehr eines vom baslerischen Über-Ich nicht zugelassenen
Triebwunsches sehen.

Spätachtundsechziger erinnern sich: Arthur Janov, der Erfinder der
«Primärtherapie», hatte einen seiner Patienten aufgefordert, ein Baby zu
spielen. Der Patient, ein Student, weigerte sich erst, begann dann aber
nach Papi und Mami zu rufen: «Plötzlich schrie es ganz laut aus ihm, so
als ob er sich in einem hypnotischen Zustand befinden würde. Dabei
krümmte er sich auf dem Boden; Zuckungen durchliefen seinen Körper. Am
Schluss stiess er einen lauten, durchdringenden Todesschrei aus, wie ich
ihn noch nie in meiner Praxis gehört hatte», schreibt Janov über die
Urszene der Entdeckung. «Das Ganze hatte nur ein paar Minuten gedauert,
und alles, was er mir sagen konnte, war, dass er es geschafft habe. Was,
konnte er mir nicht sagen. Er sagte nur, dass er jetzt fühlen kann.»

Janov schrieb darauf im Kalifornien der siebziger Jahre ein Buch, das
den anmutigen Titel «The primal scream» oder eben «Der Urschrei» trug
und zum Bestseller in Psychokreisen wurde. Seine These: Neurotische und
psychosomatische Störungen lassen sich auf den «Urschmerz» zurückführen,
der in früher Kindheit durch Verweigerung von Geborgenheit und Liebe der
Bezugspersonen entstand. Dieser Urschmerz wird durch neurotische Ängste
verkleidet. Erst mit dem Urschrei kommt es zu einem Wiedererinnern und
zur Befreiung vom Leidensdruck.

Haben nicht Tausende von Tambouren beim Üben des Wirbels ständig sich
wiederholend «Mamme!-Bappe!-Mamme!-Bappe!» gerufen?

Es gibt viele Indizien dafür, dass gerade in Basel eine spezielle Form
des «Urschmerzes» darauf drängt, bewusst gemacht und gebannt zu werden.
Von Mutter Helvetia früh verlassen, von den übrigen Eidgenossen
randständig behandelt, im Europastreben allein gelassen und in ihrer
ganzen sorgsam gepflegten Originalität sich unverstanden fühlend ist die
Basler Seele in einer masochistisch gefärbten Selbstbetrauerung
gefangen, die zur Norm geworden ist und als solche nun in neurotischer
Weise gar als typische Basler Eigenart gegen jede Therapie geschützt wird.

Bereits in den vorangegangenen Jahrzehnten haben sich die Basler die
Formen des Aus-sich-Herausgehens durch eine Vielzahl von ungeschriebenen
Gesetzen und Verhaltensregeln reglementiert und kanalisiert.

Die rituelle Dreitagesfeier der Stadt, als Basler Fasnacht weit herum
bekannt und gerühmt, ist nur scheinbar eine Phase der unbeschränkten
Kreativität. Tatsächlich ist der gesamte Raum, in dem sich die Fantasie
angeblich frei entfalten darf, durch und durch reglementiert. Die nach
unten offene Heerlig-Skala, von allen verinnerlicht, ist absolut rigide
und wird durch immer neue Wiederholung als Sozialzwang verstärkt.
Zeremonienmeister verkünden bei jeder Gelegenheit, was im rituellen
Ablauf nicht zulässig ist. Abweichende Verhaltensformen werden als
xenogen oder unbaslerisch etikettiert und verfemt. Insbesondere wird
darauf geachtet, dass die Dreitagesphase unbeschädigt bleibt und
Tochterrituale das Mutterritual nicht gefährden. Der Entzug
ausserfasnächtlichen Auslaufs dürfte den Urschmerz noch verstärken.

Dass als Psychotechnik für die Behandlung der seelischen Not in der
Stadt am Rheinknie gerade Janovs «Primärtherapie» gewählt wird,
überrascht nur, wer nicht näher mit den Initiationsriten der Basler
vertraut ist. Haben nicht, lange vor Janov, Tausende von Tambouren beim
Üben des Wirbels ständig sich wiederholend «Mamme!-Bappe!-Mamme!-Bappe!»
gerufen?

Wer immer also jetzt mit Feuer und Schwert gegen das Projekt «Urschrey»
auftritt, sollte bedenken, dass er mit dazu beiträgt, eine längst
unbewusst vorbereitete und erst noch äusserst kostengünstige Therapie
der masochistisch-depressiv verhüllten Basler Seelen mit möglicherweise
grosser kathartischer (reinigender) Wirkung zu verhindern und damit
einer Chronifizierung des Basler Urschmerzes ins nächste Jahrtausend
Vorschub leistet.

In einer purgatorischen Vorreiterrolle könnte Basel eine beispielhafte
Zentrumsfunktion übernehmen, die weit über den von Jura, den Vogesen und
dem Schwarzwald beengten Raum hinaus Nebenwirkung haben könnte. Denn
schon Janov meinte, dass es meist mehrere Urschrei-Szenen brauche, um
richtig aus dem Schmerz zu kommen, was bedeutet, dass es nicht bei einem
«Urschrey» bleiben darf.

Aber das ist schon sehr weit voraus gedacht. Es ist vielmehr zu
befürchten, dass Basel sich erneut um eine Jahrtausendchance bringt.

Wer übrigens befürchtet, es komme zu unerträglichen Szenen auf dem
Basler Marktplatz, möge daran denken, dass sich das Am-Boden-Wälzen mit
einer vorgehängten Trommel verbietet, zudem hat Arthur Janov inzwischen
erklärt, es müsse nicht unbedingt ein durchdringender Schrei sein, es
genüge schon ein einfaches Schluchzen.

Micha Trinklin, der sonst über das ungelöste weltweite Problem der
Vereinzelung von Socken nachdenkt, lebt in Basel und hat sich mit dem
Brauchtum der Stadt aus allernächster Nähe vertraut gemacht.

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