Der Traum des Dmitri Iwanowitsch und das Levium

Allgemein

 

440px-dimendeleevcabEs gibt erstaunlich viele Bilder von Dmitri Iwanowitsch Mendelejew und man kennt ihn gleich an Vollbart und langer Mähne, meist in Ehrfurcht gebietendem Weiss. Denn in jenen selfielosen Zeiten wurde halt erst porträtiert, wenn man was Rechtes geworden war. Was man vom 1834 in Sibirien geborenen Enkel eines Geistlichen nun wirklich behaupten kann. Ein gutes Stück Genie muss der Bruder von – je nach Quelle – zehn bis sechzehn Geschwistern besessen haben – und eine geniale Mutter, die mit ihrer verarmten Familie von Sibirien nach St. Petersburg zog, um dem Benjamin eine gute Ausbildung zu ermöglichen. Chemiker ist er geworden und ein berühmter dazu. 1869 stellte er offiziell seine Entdeckung vor, dass in der Reihe der nach ihrem „Atomgewicht“ geordneten Elemente gewisse Eigenschaften periodisch wiederkehren. Das liess sich wunderbar in einer Tabelle darstellen. Sie ist bildhaft das „Periodensystem“ geworden, den einen ein Faszinosum, den anderen ein Schrecken. Die Tafel diente vor Google auch eingefleischten Kreuzworträtslern, wenn es darum ging, Kürzel für Elemente wie Germanium zu finden. Seine Existenz hatte Mendelejew voraussagen können und ihm wie andern postulierten eine Lücke gelassen. In einer Zeit, als man weder von Protonen und Neutronen noch Elektronen wusste. Die Voraussage verlieh Mendelejew einen Vorsprung vor andern wie Lothar Meyer, die ebenfalls der wundersamen Periodizität auf die Spur gekommen waren.

Dmitri Iwanowitsch ist zudem Beweis dafür, dass zumindest früher auch Chemiker träumten. Die Idee zur Tabelle sei ihm nämlich im Schlaf gekommen. Alle Elemente hätten ihren Platz gefunden.

Hatte Mendelejews Traum-Tafel noch Lücken und fehlten zum Beispiel die Edelgase, so ist seither einiges dazu gekommen. Elemente werden heute nach der Ordnungszahl (Zahl der Protonen im Kern) tabelliert, die massgebliche Rolle der Elektronen ist geklärt und Schulstoff geworden. Seit 1994 reiht sich nach Fermium mit 100 endlich ein nach Dmitri Iwanowitsch benanntes und bestätigtes Mendelevium (Mv) als Nummer 101. Vor dem Nobelium (No) mit 102, das den Stifter des Preises ehrt, den Mendelejew nur beinahe und angeblich wegen Missgunst nicht bekommen hat.

Noch just am Ende letzten Jahres hat die Internationale Union für Reine und Angewandte Chemie (IUPAC) freudvoll bekannt gegeben, dass nach den strengen Regeln nun auch die Existenz der Elemente Ununtrium (113/Uut), Ununpentium (115/Uup), Ununseptium (117/Uus) und Ununoctium (118/UUo) und damit die Füllung der siebten Reihe im Periodensystem offiziell bestätigt werden könne. Die beteiligten Forschungsteams – für 113 am Institut Riken in Japan, für 115 und 117 gemeinsam an den Forschungszentren Dubna in Russland, Livermore und Oak Ridge in den USA und für 118 Dubna und Livermore – für ihre durch Kollision von Atomkernen erzeugten neuen Elemente Namen vorschlagen dürfen. Die Iupac, die sich im Dienste von uns allen Menschen handeln sieht, behält sich das Recht vor, die Vorschläge zu prüfen und die Wahl zu treffen. Namen dürfen nach Sagen- und astronomischen Figuren, Mineralien, Ortschaften oder geograpischen Regionen, nach einer Eigenschaft des Elements oder Wissenschaftern und Wissenschafterinnen lauten. Ein spasseshalber vorgeschlagenes Trumpium hat darum keine Chance. Dafür vielleicht der von „Nature“ gemachte Vorschlag, eines der Neuen nach dem italienischen Chemiker Primo Levi (1919-1987) zu benennen. Der hatte elf Monate in Auschwitz überlebt und dies in Büchern bearbeitet. Eines der berühmten Werke trägt den Titel „Das Periodensystem“. In jedem Kapitel wird etwas im Leben in Bezug zu einem Element gesetzt. Besonders bekannt darin das letzte Kapitel 21, wo die lange Reise eines Kohlenstoffatoms aus dem festen Griff von Kalkstein bis in eine Nervenzelle im Gehrin Levis beschrieben wird. Ein Levium würde sich schon deswegen gut machen.

In der Basler Zeitung vom 19. Januar 2016 als Hick-up erschienen

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