Die Gäste im Bauch und das Wohl des Kopfes

Allgemein

Man sollte mal den Hut oder sonst was Passendes in die Luft
werfen, um all jenen Mikrobenjägern und -jägerinnen
Anerkennung zu zollen, die da in den letzten rund 330 Jahren
unermüdlich die Mikrowelt an den schwierigsten Orten
erforscht und deren überaus zahlreiche Bewohner ans Licht
geholt haben.
Lange ist es her, seit im fernen Jahr 1675 der Niederländer
Antoni van Leeuwenhoek erstmals der jungen, auf
Experimente und echte Beobachtungen gespannten Royal
Society of London von solchen in Speichel gefundenen
«Animalcules» berichtet hatte. In einfachem Holländisch nur,

schliesslich war er Tuchmacher und konnte weder Latein noch
Griechisch, auch Englisch war ihm wohl fremd. Doch weder
Stand noch akademische Vorleistungen zählten in London –
allein die Entdeckung. Van Leeuwenhoek, wohlhabend genug,
um sein Hobby zu pflegen, sollte es bis ins Alter von 90
Jahren auf beachtliche 375 meist eigenhändig illustrierte
Letters an die Society und ihre Zeitschrift «Philosophical
Transactions» bringen. In ihnen berichtete er von
Beobachtungen, die er mit seinen nach geheim gebliebenem
Rezept gebauten einfachen Mikroskopen gemacht hatte. So
hatte es sich das Dutzend eher junger Herren auch gedacht, die
sich 1660 an einem angeblich trüben Novemberabend im
Greesham College in London versammelt hatten, um einen
Vortrag des 28-jährigen, später als Architekt berühmt
gewordenen Christopher Wren über Astronomie zu hören, und
dabei auf Vorschlag von Francis Bacon gleich eine «Society»
gründeten, die statt lateinisch englisch debattieren sollte.
Charles II. adelte sie kurz darauf mit einem «Royal».
Seither sind die Mikroskope und das Mikroben-Forschen ganz
allgemein ziemlich raffiniert geworden. Zurzeit wird in
rasantem Tempo die genetische Ausrüstung all der einzelligen
Gäste erkundet, die in unglaublicher Vielzahl in und auf uns
wohnen. Es sollen Billionen sein, heisst es.
Jedenfalls tummeln sich in unserem Verdauungstrakt
Passagiere wie die Collinsella aerofaciens (Luft machend),
Parabacteroides merdae (merda = Mist) oder Stäbchen der
einfachen Bacteroides, die zum Beispiel plebeius (ungehobelt)
oder coprophilus (kotliebend) heissen und wie das
Eubacterium ventriosum (dickbäuchig) von ihren Entdeckern
fantasievoll mit Beiwörtern ausgestattet wurden, die ihre
speziellen Fähigkeiten oder vermeintlich gewöhnliche
Herkunft anzeigen. Dabei haben viele der Mikroben
Fähigkeiten, die wir nutzen und nötig haben, wenn es zum
Beispiel darum geht, am Ende noch komplizierte Zucker aus
Bohnen aufzuspalten. Mehr und mehr zeichnet sich ab, dass
wir das, was wir sind, auch unserem «Mikrobiom» verdanken,
wie das gesamte mit uns wohnende Mikrobenuniversum gern
genannt wird. Schon darum wächst das Forschungsinteresse
und steil auch das Wissen über die genetische Vielfalt der in
und mit uns lebenden Mikroben.
Soeben berichtete eine internationale Forschergruppe in
«Nature» über die ungemein abwechslungsreiche genetische
«Landschaft» der Mikrobenwelt. Allein in von 207
europäischen und amerikanischen Menschen zur Verfügung
gestellten 252 Stuhlproben wurden bei nur 101 geprüften
Mikrobenarten eine riesige Zahl (10,3 Millionen) punktueller
Abweichungen im genetischen Text gefunden. Was sehr
wahrscheinlich macht, dass jeder und jede unter uns eine
eigene Völkermischung mit sich herumträgt. Ja, es sieht so
aus, als könne man uns nach den Passagieren, die wir in Bauch
und Darm mittragen, glatt in verschiedene «Enterotypen»
unterscheiden. Das einmal entstandene Muster scheine
jedenfalls erstaunlich stabil zu sein, wird neu in «Nature»
berichtet. Gut möglich, dass sich schon in naher Zukunft
genau sagen lässt, was ich für meine Gäste im Bauch tun
muss, damit es mir auch sonst und nicht zuletzt im Kopf gut
geht.

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