Wally

Allgemein, Guten Morgen

Scherholder Wally hat allen Grund zur Freude. Schon lange hat sie nicht mehr so attraktiv gewirkt wie heute. Gerade in der Wirtschaft spricht man viel von ihr. Seit sie dank «lean management» ganze dreizehn Pfund desinvestiert hat, spürt sie auch den Neid, aber das schert sie nicht, unsere Wally. Den Haushalt hat sie im Griff, die Kostenstruktur ist gestrafft. Da bleibt schön was übrig. Nadine aus Huningue, die ihr seit ein paar Jahren an die Hand gegangen war, hat sie mit zugegeben fadenscheinigen Gründen entlassen, aber Nachfolgerin Esmeralda ist froh, dass sie als Schwarzaufenthalterin überhaupt Arbeit hat – und zwei Drittel von Nadines Stundenlohn, sagt Wally, das ist in Portugal noch immer viel Geld. Überhaupt: Sauberkeit, meint Wally, wird bei uns viel zu hoch bewertet. Blanke Böden sind keine produktiven Faktoren, das weiss jede, die ein bisschen denken kann. Und auch Wally kann sich in diesen harten Zeiten keine gefühligen Schwächen leisten. Ausser die eine: Jetzt fühlt sie Fritzens Auge länger als früher auf sich ruhen. Outsourcing hat dazu beigetragen: Schwester Kiddys Pelzmantel, den sie sich für zehn Franken pro Abend ausleiht, steht ihr so gut. Mit Fritz, so denkt sie, wäre alles schön arrondiert. Ob es zu einem Takeover reicht, weiss sie noch nicht, denn Fritz, das ist ihr klar, hat noch andere Pink chips im Portefeuille. Kürzlich, an Wallys Barbecue, oder wie die andern heimlich sagen, Wally Steakholders Party, da war er doch ganz anders – die gewagte, mit langfristigen Ertragszielen angelegte Risiko-Investition in die sozialen Beziehungen scheint sich zu lohnen. Dass sie ihre Pfunde losgeworden ist, indem sie sich nur noch trockene Haferflocken vorsetzte, verrät sie aber keiner. Denn das soll ein Spinoff werden. «Wally Weightwatchers Nosebag», das müsste als Produktenamen hinhauen (denn weiss bei uns eine, dass Nosebag Hafersack heisst?) Kürzlich liess sie sich im Reformhaus dummerweise fast von einer Freundin ertappen, da hat sie statt wie üblich fünf Säcke Flocken eine Flasche Kamillenöl heimgetragen. Dem unverhofften Treffen schreibt sie zu, dass alle jetzt vom Bio-Wally reden. Was aber, wenn sie erfährt, dass ausgerechnet Fritz das Scherholder und das B von Bio ein bisschen fusioniert hat und sich jetzt bei seiner neuen Molly über das mager gewordene Scherbeholder Wally mokiert?

 

Ist unter der Rubrik „Guten Morgen“ am 6. November 1996 in der Basler Zeitung erschienen.

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