Ebola 1995

Allgemein, Epidemien, Mikrobiologie, Zoologie

Veröffentlicht am 26. Mai 1995 in der Basler Zeitung

Die 34jährige Forscherin, die sich bei der Autopsie eines Schimpansen an der Elfenbeinküste angesteckt hatte und nach Basel evakuiert worden war, ist von einem bisher unbekannten Typ des Ebola-Virus befallen gewesen. Glücklicherweise ist dieser Typ für Menschen weniger gefährlich als für Affen: Das Virus hat die vom Basler Verhaltensforscher Christophe Boesch beobachteten Schimpansen dezimiert.

Am 16. November letzten Jahres wurde im Tai National Park im Westen der Elfenbeinküste der eineinhalbjährige «Piment» tot aufgefunden. Der junge Schimpanse war Opfer einer rätselhaften Seuche geworden, die unter einer seit 1979 von Verhaltensforschern beobachteten und 1987 noch 80 Köpfe zählenden Schimpansengruppe ihre Opfer forderte. Eine 34jährige Frau, Mitglied der von Christophe Boesch vom Basler Zoologischen Institut geleiteten Gruppe, beteiligte sich im Feld an der Autopsie des Schimpansenjungen.

Gewebeproben wurden entnommen und fixiert, um sie an die Spezialisten in Frankreich zu senden. Am 24. November erkrankte die Frau an Symptomen, die jenen des Dengue-Fiebers glichen, sie wurde in Abidjan ins Spital gebracht, doch das Fieber, begleitet von Durchfall und Ausschlägen, ging nicht weg. Fünf Tage später wurde sie ins Basler Kantonsspital evakuiert, wo sie sich später wieder ohne Nachfolgen erholte.

Ein vierter Virus-Typ

Wie jetzt in der britischen Ärztezeitschrift «Lancet» berichtet wird, war ein neuartiger Typ des Ebola-Virus die Ursache der Erkrankung. In den während der fiebrigen Phase entnommenen Serumproben konnten Spezialisten des Pasteur-Instituts in Paris, die auch für die WHO tätig sind, feststellen, dass der Erreger zu den länglich gestalteten Filoviren zählt und mit den drei bekannten Ebola-Typen verwandt sein muss.

Das Virus war offenbar zwar für Affen lebensgefährlich, für den Menschen aber glücklicherweise nicht tödlich. Der neue Virus-Typ könnte als Folge einer Mutation entstanden sein. Bei der Vermehrung können sehr häufig Fehler auftreten. «Fehler», die zum Beispiel auch die Infektiosität des Virus verstärken könnten.

Christophe Boeschs Gruppe, die schon seit 1979 ihre Beobachtungen macht und darum auch die einzelnen Mitglieder des Schimpansenclans kennt und mit Namen versehen hat, war im November letzten Jahres zum zweiten Mal dieser Seuche begegnet. Schon 1992 waren innert kurzer Zeit acht Tiere gestorben, 1994 waren mindestens 12 Tote unter den Affen zu beklagen. Die Forscher hatten zuerst vermutet, die Primaten seien an einer von den Menschen eingeführten Krankheit wie Milzbrand eingegangen, doch die an den Verstorbenen festgestellten Symptome liessen Pierre Formenty, einen Epidemiologen am Tierpathologischen Laboratorium der Elfenbeinküste, auf ein hämorrhagisches Fieber und damit auf Erreger wie das Ebola-Virus schliessen.

Damit sind vielleicht per Zufall neue Möglichkeiten eröffnet, herauszufinden, woher das Ebola-Virus eigentlich kommt und wie der Weg zwischen einem Reservoir, Zwischenwirten und dem Opfer verläuft.

Unwahrscheinlich scheint jetzt, dass Affen selbst das Reservoir bilden, in dem das Virus lebt und sich in einzelnen Fällen auf den Menschen weiterverbreitet. Dass die Affen selbst dem Virus erliegen, der Mensch jedoch sich ausreichend gegen die Infektion wehren kann, macht dies sehr unwahrscheinlich.

Ein Insekt als Zwischenwirt?

Dass die Epidemie immer kurz nach der Regenzeit auftrat, könnte darauf hinweisen, dass ein Insekt oder ein in Tümpeln brütender Gliederfüssler dem Virus als Hort dient. Möglich aber ist auch, dass ein anderer Säuger als Zwischenwirt dienen kann. Andere Viren aus den gleichen Familien benützen manchmal eine solche Tierart, um sich stark weiterzuvermehren. Zum Beispiel Ratten oder andere Nager. Sie könnten auch in der Elfenbeinküste im Spiel sein. Die Nager haben sich drastisch vermehrt, als Folge des Einstroms von liberianischen Flüchtlingen, die in Lagern in der Nähe des Nationalparks leben und durch Roden und Pflanzen in den eigentlich unter Schutz stehenden Gebieten das ökologische Gleichgewicht gestört haben.

Indizien aus Feldbeobachtungen

Die Virologen werden jetzt eine ganze Reihe von Säugern auf Antikörper gegen Ebola-Viren testen, vielleicht aber finden sich auch unter den Menschen Hinweise auf den Lebenszyklus des Virus. Erfahrungen in Zaire, so berichtet das amerikanische Wissenschaftsblatt «Science», zeigen, dass Wilderer und Dorfbewohner, die Affen jagen und ihr Fleisch essen, an Ebola-Fieber erkrankt sind. Hinweise könnten auch die Feldbeobachtungen von Christophe Boeschs Gruppe geben. Die Verhaltensforscher beobachteten, als die Gruppe noch viele Köpfe zählte, wie sich die Schimpansen auf intelligente Weise bei der Jagd organisierten. Dabei wurde jeweils registriert, welche Beute die Gruppe gemacht hatte. Boesch beobachtete auch, wie die Affen sozusagen Hammer und Amboss benützten, um Nüsse von Palmen zu knacken. Die Affen waren an die Anwesenheit der Menschen gewöhnt und liessen sie sehr nahe kommen. Das hat nun möglicherweise ein Ende. Die Gruppe hat nur noch zwei Männchen, zu wenig, um sich gegen rivalisierende Gruppen zu wehren. Boesch hält es für wahrscheinlich, dass die ganze Gruppe von einer anderen übernommen wird. Damit aber wäre das über Jahre aufgebaute Vertrauensverhältnis zwischen Tieren und Beobachtern gefährdet, wenn nicht grundlegend gestört. Eher düster sind auch die Zukunftsaussichten für die Schimpansen. Auf der einen Seite das tödliche Virus, auf der anderen Seite der wildernde und in den Regenwald eindringende Mensch: Bald könnte es auch im Tai National Park nichts mehr zu beobachten geben.

Fünfte Nonne gestorben

Genf/Kikwit. AP. An dem Ebola-Virus sind in Zaire bislang 108 Menschen gestorben. Wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf mitteilte, wurden bisher 144 Ebola-Fälle registriert, alle in der Umgebung von Kikwit, 400 Kilometer östlich der zairischen Hauptstadt Kinshasa. Unter den Todesopfern sind fünf italienische Ordensschwestern; die 58jährige Nonne Annelvira Ossoli erlag nach Angaben ihres Heimatklosters in Bergamo am Dienstag der tödlichen Seuche. Sie hatte erkrankte Mitschwestern in Kikwit gepflegt.

Wissenschafter hegten die Hoffnung, dass der Erreger schwächer werden könnte, hiess es in Genf. So seien beispielsweise sieben Mitglieder einer Familie in Kikwit an der Krankheit gestorben, die übrigen fünf Familienmitglieder hätten sich aber nicht infiziert. Es werde derzeit untersucht, ob das Virus als solches nicht sehr viel häufiger vorkomme als bisher angenommen und die Krankheit nur durch eine Verkettung unglücklicher Umstände ein solches Ausmass wie jetzt in Zaire erreiche. «Nur wenn das Virus seinen Weg in ein Spital findet, wo es Probleme mit der Hygiene gibt, breitet es sich aus wie ein Buschfeuer», gab WHO-Sprecher Valery Abramow die Ansicht von Experten wieder.

Gebessert (SDA)

Bern. SDA. Der Gesundheitszustand der unter Ebola-Verdacht hospitalisierten Schweizer Fotoreporterin hat sich leicht verbessert, wie der Berner Kantonsarzt Anton Seiler auf Anfrage sagte. Die Ergebnisse der Blutuntersuchung werden erst am Montag vorliegen. Die 48jährige «Blick»-Fotografin Katja Snozzi hatte sich bis Mitte letzter Woche in der Region Kikwit in Zaire aufgehalten. Seit ihrer Rückkehr leidet sie an grippeartigen Symptomen mit hohem Fieber. Eine genaue Diagnose konnten die Ärzte indes noch nicht stellen. Blutproben der Schweizerin werden derzeit in einem Labor in Marburg (D) analysiert. In der Zwischenzeit werden die nötigen Sicherheitsvorkehrungen aufrechterhalten. Snozzi liegt in einem Quarantäne-Zimmer des Inselspitals. Das Pflegepersonal trägt Kopf-, Mund- und Sichtschutz sowie zwei Paar Handschuhe. Bettwäsche und Exkremente der Kranken werden im Zimmer in luftdichte Behälter verpackt und dann verbrannt.

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